Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 3 (12.1874)
- Date
- 1874-12-01
- Page
- Seite 72 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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72 sich selbst im Widerspruche sein würde, wenn man es leugnen wollte. Glauben ist also ein Wissen durch Erfahrung von außen her und zugleich durch Uebereinstimmnng von innen heraus. Eine Erfahrung von außen her ist bald gemacht, aber die Uebereinstimmnng von innnen heraus erfordert oft einen langsamen, schwerfälligen Prozeß, der vorsichtig durchgesührt sein will. Wir sehen, hören, nehmen Etwas wahr mit einem oder andren unsrer Sinne und bilden uns darnach eine Meinung, oder gar ein Urtheil über das Wahrgenommene. Wem ist es nun nicht schon begegnet, daß er später einsah sich getäuscht zu haben, daß er seine Meinung ausgeben, sein Urtheil zurücknehmen mußte? Wie Mancher aber hat der Folgen wegen, die ans seinem Jrrthum hervorgegangen waren, denselben bitter bereuen müssen! Diese Reue würde er sich erspart haben, wenn er nicht zu rasch Amen gesagt, zu rasch geglaubt hätte. Das Meiste aber von dem, was wir erfahren, gelangt nicht einmal aus dem Wege der eignen, sinnlichen Wahrnehmung zu uns, sondern auf dem der Mittheilung durch Rede und Schrift von Seiten andrer Menschen. Dürfen wir denn da so rasch bei der Hand sein mit dem Amensagen, dürfen wir Alles glauben, was gesprochen wird und geschrieben steht? Nur ein Kind, oder ein Thor,*) oder ein Schelm beruft sich auf ein bloßes Hörensagen, oder auf eine Schrift, ohne die Glaubwürdigkeit des erstern, die Echtheit der letzlern geprüft zu haben. — Wir begegnen bei vielen Menschen einer Neignng, einer Liebhaberei in den Berichten Anderer, das Auffallende, Seltsame, Ungeheuerliche, kurz das Unglaublichste am liebsten zu glauben. Es ist das die Wundersucht, die freilich im Kindesalter der Völker am stärksten auftritt, die aber auch heute noch nicht gesckwunden ist und von Manchen gern ausgebeutet wird. Sie rührt daher, daß man das Gewöhnliche, Alltägliche, was Jeder weiß und wissen kann, langweilig findet. Diese Langweile würde aber nicht empfunden werden, wenn man nicht bei einem oberflächlichen Wissen stehen bleiben, sondern den Grund der Erscheinungen, die letzte Ursache der Wirkungen zu erforschen sich bemühen wollte. Wem es Ernst ist um das Wissen, der wird für alles Auffallende, Außerordeutliche die einfachen, natürlichen Gesetze aufsuchen, und sie gefunden zu haben wird seine höchste Freude sein, nur der Halbwisser liebt es auf jedes Wunder ein rasches Amen zu sagen. *) In diesem Sinne wird im Midrasch rabba (Exodus) der Bibelvers: ״Der Thor glaubt jedes Wort u. s. w." (Spr. Salom. 14,15) angewendet. Man vgl. daselbst Abschnitt 3, Ans.'מהו פתי נער וסי• (Red.)