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Israelitisches Predigt-Magazin · 1874-12-01 · 3 (12.1874) · p. Seite 71

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Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
1 (1874-1875)
Issue
3 (12.1874)
Date
1874-12-01
Page
Seite 71 (sequence 9)
Language
German
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11 selbst die Wissenden in der Synagoge nicht mitbeten konnten, weil ein Gebetbuch, damals nur ein geschriebenes, eine so große Seltenheit war, daß unter Tausenden kann: Einer eins hatte; daß endlich vor der schriftlichen Abfassung des Talmuds die Gebete noch gar nicht ausgeschrieben, fonberu theils aus Ueberlieferung, theils aus eigenen! Herzenserguß frei vorgetragen wurden. Die ganze Theilnähme einer Gemeinde am öffentlichen Gottesdienste bestand darin, aufmerksam zuznhören, was der Beauftragte der Gemeinde (שליח צבור) vertrug und am Schluffe seines Gebetes ״Amen" zu sagen. Bei dieser Wichtigkeit des Wörtchens ist es erklärlich, daß die Gesetzeslehrer auf die richtige Aussprache desselben einen Werth legen und dazu die Anweisung geben. Es soll nicht zu rasch — d. h., nach den Auslegern, nicht mit Auslassung der ersten Sylbe — nicht abgebrochen — d. h. mit Unterdrückung der letzten Sylbe — nicht vereinsamt -- d. h. ohne den Schluß des vorgetragenen Gebetes gehört zu haben, sondern es soll gedehnt, mit Ruhe gesprochen werden. Neben dieser wörtlichen Auffassung läßt unsre Talmudstelle auch noch eine figürliche zu. Es war die Weife unsrer alten Lehrer, sowohl in ihren halachischen Regeln, wie in ihren agadischen Schilderungen zugleich allgemeine Wahrheiten und Lebertsregeln einzuhüllen, die sie durch bilderreiche Wörter andeuteten, und die den! redlichen Forscher einen Schatz von Weisheit erschließen, sobald er den Geist aus dein Buchstaben zu entsiegeln vermag. Auch die Wortbilder אמן חטופה - קטופה - יתומה bergen einen solchen Schatz, den wir zu heben versuchen wollen. אמן heißt ״geglaubt." Wer es spricht, nachdem ein Andrer zu ihm gesprochen hat, dri'lckt damit aus: ״Ich glaube das, was du da gesagt Haft — ich bestätige es — ich nehme es an — es ist so — es soll so sein! -- Amen sagen bedeutet also glauben. Es gibt nun aber Amensager, die nicht glauben, nicht auf die rechte Weife glauben, nicht glauben können, nicht glauben sollen, und solches Amensagen ist in vielen Fällen sehr schädlich, verderblich, schlecht. Unsre Weisen warnen uns daher, nicht zu den unechten, sondern zu den echten Amensagern zu gehören. Um ihnen zu gehorchen, merken wir uns die drei Klassen der unechten. I. Du sollst nicht zu denen gehören, die zu rasch Amen sagen! Glauben — d. h. bei allen denen, welche das von Gott angezündete Licht der Vernunft gebrauchen, heißt in unsrer Religion, welche eine veruunftgentäße ist und sein will: Etwas annehmen, für wahr halten, weil n!an innerlich davon überzeugt ist, weil man mit

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