Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 2 (11.1874)
- Date
- 1874-11-01
- Page
- Seite 36 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Forschen (der uns vor geistiger und sittlicher Verkommenheit behütete) ״nicht schlief und nicht schlummerte." Die neue Zeit kam und mit ihr — wer möchte nicht anerkennend darob den Herrn preisen! — zugleich neuer Segen für uns. Die Schlupfwinkel, in welche wir uns mit unserem Denken, Dichten und Beten eingesponnen hatten, konnten verlassen werden, wir dursten dieselbe Luft mit den andern Brüdern einathmen, und wir fingen an, uns auch äußerlich zu civilisiren in Sprache, Sitte und Tracht — und auch die Predigt sah sich nach einem neuen Kleide um für ihren alten Geist. Aber siehe im Suchen nach den Equipirungsgegenständen ging ihr (man wird uns nicht der Uebertreibung zeihen, wenn man die ersten Decennien dieses Jahrhunderts im Auge hat) der Geist verloren. Man entlehnte von außen Allerlei und entledigte sich des Eigenen, Eigenthümlichen. In leichten: Gewände angethan, nahm die moderne Predigt ihren rapiden Flug, nachdenr sie das Alte als lästigen Ballast abgeworfen hatte. Ohne Rücksicht auf das Wesen, den Charakter dessen, für den sie sich all die Mühe gab, auf das tiefere Wesen des jüdischer: Pirblikums copirte sie fast treu die christliche Predigt. Prediger und Predigt warer: nach den: modernster: Schnitt. Es fehlte nicht ״der feine Griff und der rechte Tor:", just wie beim christlichen Prediger. ״Wie er räuspert u. s. w., das hatte man ihm glücklich abgeguckt," aber die Hauptsache fehlte, ich nreine den jüdischen Geist. — Es war ausländische Waare, eine exotische Pflanze. — Wie aber verhielt sich das jüdische Publikum dazu? ׳Run, wie sich ein Publikum überhaupt dem Ausländischen, der Mode gegenüber verhält. Cs nahm sie auf mit zienckichem Ernst ur:d noch mehr Behagen. Wenr: der Prediger so regel- und kunstgerecht dastand, man hatte seine Freude darar:, und mar: hatte genug. ״Dixit adhuc aliquid? Sagte er schon etwas? Ml sane, Nichts wahrlich. Quid placed ergo? Was gefällt denn? Lana . . . imitata . . ludi et artes divitiaeque peregrinae, das imitirte Kleid, das Spiel, der ausländische Prunk imb Pump", wie Horaz in einer seiner Episteln die Ausartung der heimischer: Schauspielkunst geißelt. So auch hier. Einen gestikulirenden Talar rrrit Päffchen sah man; was hinter diesem Talar steckte, das war ziemlich gleichgiltig. — Aber auch diese Verirrung konnte nicht lange anhalten, das wahre Wesen mußte doch zum Vorschein kommen- Man weiß wie jener Enthusiasmus, wenn er überhaitpt einen Auge::- blick ganz echt war, sich ziemlich schnell abkühlte, er war mit dem Reiz der Neuheit verschwunden. Ja, die Predigt war fast in Gefahr, einen großen Theil der schönen und theueren Errungenschaften