Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 2 (11.1874)
- Date
- 1874-11-01
- Page
- Seite 35 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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35 Freund, es waren aber früher bessere Zeiten als die unfern, es ist eben die Zeit des Verfalls, so rufe ich ihm mit dem alten weisen Prediger zu: ״Auch Du sprichst so aus Weisheit nicht." Solche Wahrnehmungen uub solche Beschwerden sind wahrlich nicht neu. — Ueber ein sichtbares Abwärtsgehen, über zunehmende Verflachung wird schon von den alten Rabbinen bittere Klagen geführt. Ersahren mußte es jener Rabbi Ehija, der Vorträge über Themata von tiefem, gesetzlichem Inhalte hielt, den aber das Volk bald stehen ließ, als sein College R'Abuhu erschien und sein agadisches Schatzkästlein aufthat, aus dem er allerlei Liebliches und Herzerquickendes herauskramte uub dem Volke zum besten gab. Freilich konnte dieser dem verstimmten Lehrer keinen bessern Trost geben als durch die Hin- Weisung auf die allgemeine Erfahrung, ״daß Perlen und Edelsteine immer weniger Käufer finben, als Nippsachen und Leckerbissen." *) ״Einst, einst, klagt schmerzlich ein anderer Lehrer, fand man nur Lust au religiös belehrenden Worten, nun krankt das Herz an dem Drang und der Roth der Zeiten und öffnet sich nur den Segnungen und Tröstungen" 2). — Aber das waren eben anormale Zeiten und Verhältnisse, das mar eine zeitweilige Abirrung, eine augenblickliche Misere, hervorgerufen aus der Misere der Zeit. — Als aber die Zeiten der Roth und Drangsal permanent, und gleichsam zur Regel würben, da wurde der Geist durch die Uebung gegen solche Gefahren gefeit, er lenkte wieder in die rechte Bahn ein und zeigte wieder sein wahres Wesen. Mall weiß ja, wie gerade in den trübsten Zeiten der spütern Geschichte der Jude bald den Blick zum Himmel erhob und bald nüt ihm an dem Munde des Lehrers hing, wie da Beten und Lernen in einander verschlungen waren, wovon ein ergreifendes Denkmal unser heutiges Gebetbuch ist. Man weiß auch, wie in jenem sogenannten Winterschlaf der Geschichte, dieser ״Hüter Israels", der Drang nach Denken, Lernen und 1) Sota 40a. 2) לשעבד ... היה אדם מתאוה לשמוע דבר משנה והלכה׳ ועכשיו שהן חולים מן השעבוד׳ אין מבקשין לשמוע אלא דבד ברבות ונחמות׳(מדרש שיד השירים) Ferner: כשהיה הפרומה מצויה היו כולם רצץ אחר ההלכה ועכשיו שאין הפרומה מצויה אס כולן רצץ אחר אנדתא (שם) der mit feiner Zeit etwas zerfallene Moses Chagis (st. 1744) zu dem Schmerzensausrufe in der Einleitung zu seinem אכל עכשיו מי יתן והיה שיהיה האדם מתאוה לשמוע הנדה:(משנת חכמים׳) Recht hatte, möchten wir bezweifeln.