Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 2 (11.1874)
- Date
- 1874-11-01
- Page
- Seite 34 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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3r bann zum Nutzen und zur Zierde gereichen werde, wenn sie nicht ihren Geist ablegt. — Dies soll int Folgenden nachgewiesen werden. Die Hauptforderung, die wir in unserer e r st e n Betrachtung an die ״Predigt der Gegenwart" überhaupt stellten und begründeten, lautete: Die Predigt soll nicht blos das erbauliche, sondern auch — und zwar vor Allem und in erster Reihe — das belehrende und ansklärende Element in sich schließen. Nun, die israelitische Predigt nach ihrer ganzen Vergangenheit und das israelitische Publikum nach seiner ganzen Natur bringen offenbar Alles mit sich, was der Ausführung jenes Postulats den günßigsten Vorschub leistet. Schon der von jeher im Judenthume übliche Name für die Predigt drückt treffend das charakteristische Merkmal aus, wodurch sich das Wesen der jüdischen Predigt von dem anderer unterscheidet. Die jüdische Kanzelrede ist kein ״praedicare“ (verkünden, proklamiren) sondern sie heißt ״Derascha" ךךשה (von דרש forschen, erklären, exegesiren). — Der Charakter einer Predigt ist aber ein Kind des Volkscharakters und die Besonderheit des jüdischen, nach Forschnng und Vertiefung drängenden Geistes hat die Der a sch a erzeugt; und dieses Bedürfniß und diesen Trieb des jüdischen Zuhörers, auch an der Stätte der Andacht etwas Belehrendes nnb Neues zu hören, konnte ihm alle Verflachungs- und Nivellirungssucht von oben und von unten her nicht austreiben, sie geben sich noch jebent Beobachter schon in manchen Aeußerlichkeiten kund. ״Wie hat der Prediger heute gesprochen?" wird der Christ fragen, ״w a s hat er gesprochen?" fragt der Jude. — Diesem eigenthümlichen Geistesznge nicht blos Rechnung zu tragen, sondern warme Hege und Pflege angedeihen zu lassen, ist die heilige Aufgabe der israelitischen Predigt der Gegenwart. Es ist wahr, jener Trieb offenbart sich jetzt der Predigt gegenüber nur in geringem Maße; er ist aber nur tiefer versteckt, er muß hervorgelockt werden. Denn wenn mir da Mancher lustig zuruft: ״Vergebliches Bemühen, lieber College, sich dem neuen Zuge entgegenznstemmen, es weht eben auch darin ein anderer neuer Geist in Israel," so gedenke ich ihm zu beweisen, daß dasjenige, was er den Geist der Zeit nennt, zum großen Theile der Herren Prediger eigener Geist ist, der Vieles auf seinem Gewissen hat, daß namentlich die moderne Predigt zumal in ihrer Entstehungszeit darin arg gesündigt hat. Und wenn ein Anderer wieder, vom Geist der Gegewart wenig angehaucht, in elegischem Tone oder gar mit trüber Resignation mir zuruft: Lieber