Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 1 (10.1874)
- Date
- 1874-10-01
- Page
- Seite 20 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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20 II. Hast Du die Stimmung Deines Herzens genau beobachtet am heutigen Tage, am Neujahrsmorgen? Da steigen Erinnerungen aus in Dir, liebliche und traurige, erfreuende und betrübende, beseeligende und erschütternde. ״Wie der Hirt seine Heerde mustert, die Länimer alle unter seinem Stabe hindurch ziehen läßt" — so ziehen vor Deinen! Gedächtnisse vorbei all' die frohen und trüben Ereignisse des vergangenen Jahres, die Freuden, die Du durchlebt oder bereitet, — die reinen und edlen genießest Du nochmals in der Erinnerung, die eiteln und unedlen zeigen sich heute in ihrer eigentlichen Hohlheit und Nichtigkeit —; auch die Schmerze n und Leiden, die wir erlitten oder verursacht, erstehen heute wieder in der Erinnerung, hier bluten auf's Neue die Wunden, die uns das Jahr geschlagen, dort gewahren wir, daß sie bereits geheilt und vernarbt sind. Wie die Sonne in jeglichem Thautropfen, so spiegelt Gottes Weltregierung in! Leben jedes Einzelnen sich ab. Brauche ich sie Euch erst vorzusühren die heiteren und trüben Bilder, wie sie in jeder Familie erscheinen? Beseeligt sahen Eltern das Auge des Neugeborenen sich dem Lichte erschließen, und lautere Freude und Hoffnung zog ein in ihr Herz. Andere wiederum sahen eines herzgeliebten Kindes Auge in! Todeskampfe brechen, dahin war der goldene Traun!, vereitelt die allzufrüh gehegten Hoffnungen. Liebe hatte hier treue Herzen geeint zun! heiligsten Lebensbunde, zu beglückender Genieinsamkeit, zur Theilnahme an der Lebensarbeit, dort hat der unbar!nherzige Tod Herzen getrennt, die noch lange vereint die Reise durchs Leben fortzusetzen gedachten. Der Eine ist zu Wohlstand e n!p orgestiegen, ein Anderer mußte gar viele Sprossen an der Stufenleiier irdischen Glückes h e r a bsteigen. — Solchergestalt sind die Gefühle und Empfindungen, die unser Herz am Neujahrstage bewegen; was ist denn natürlicher, als daß der Mensch beim Eintritt in ein neues Jahr einen Rückblick auf das vergangene wirft, was ist also auch natürlicher, als daß die Religion an diese Stimmung unseres Herzens anknüpft, und den Neujahrstag, den Tag der Erinnerung, zun! Tage des Gerichts einsetzt, an dem das Nichteran!t Gottes uns ganz besonders zun! Bewußtsein geführt wird, an den! wir unseren Trost und unsere Beruhigung, unsere Er!nuthigung und Neubelebung finden in den frommen Gebetworten Hanna's, die heute in unseren! Herzen an! lautesten wiedertönen: ״Gott ist's, der sterben läßt und wieder belebt, der reich macht und wieder arm, der erniedrigt und erhöht, der da richtet die Enden der Erde; denn Gottes sind die Pfeiler der Erde, er hat den