Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 1 (10.1874)
- Date
- 1874-10-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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6 edle. Darum kann und muß jetzt endlich jener noch immer sich breit machende specifische Kanzelton, jener Roccocostyl und jenes barocke Wesen der Predigt aufgegeben werden; man muß zu unserer Zeit in ihrer Sprache reden. Auch das Heiligste kommt zu seinem würdigsten, reinsten Ausdrucke durch die reinste Form. — Es ist wohl nicht zufällig, daß der große Reformator der christlichen Kirche (Luther), zugleich Reformator auf dem Gebiete der Muttersprache war und daß — mir darf wohl dieser Vergleich gestattet werden — auch im Judenthumefein Reformator Mendelssohn (alssolcher darf er dreist gelten) denselben Weg genommen hat. — Mit der Sprache aber geht die Darstellungsweise überhaupt Hand in Hand. Und da pflegt sich denn als Haupterforderniß für dieselbe das Schlagwort: Popularität in den Vordergrund zu drängen. — Nun, wer in der Predigt auch ein Volksbildungselement sieht, wird sicherlich diese Eigenschaft für sie fordern. — Aber auf keinem Gebiete vielleicht ist mit diesem Worte ein heilloserer Mißbrauch getrieben worden, als auf dem der Homiletik.*) Es genügt ja fast im gewöhnlichen Leben, einem Prediger das Epitheton ״populär" beizulegen, um ihn damit auch als den empfehlenswerthesten, als ben mit allen nothwendigen Eigenschaften eines Redners ausgestatteten hingestellt zu haben. Ja populär, — aber wie? Wer in allen Stücken der Geschmacksrichtung der Menge, jener ״bellua multorum eapitum“ Rechnung trägt in Bezug auf Diction, Action und Declamation u. s. w., der ist populär. Doch wie? wird hier nicht die Person mit der Sache verwechselt? Der Prediger macht sich populär, ob aber auch die von ihm vertretene Sache? Man hat auch der abschreckenden Beispiele genug, wie der dem Geschmack und Gefallen der Menge sich Anbequemende, der, anstatt auch hierin die Gemeinde zu sich h e r a u fzuziehen, inuuer tiefer zu ihr hinab steigt, ihren Geschmack und den eigenen mälig verdirbt. — Ohne Zweifel würde noch jetzt ein Abraham a Santa Clara, ganz wie er einst leibte und lebte, sein großes Publicum finden; man läßt noch jetzt gerade die klobigsten, gegen das Herz geführten rednerischen Keulenschläge mit einem besondern Behagen über sich ergehen, und alle auch nicht modernisirten Capucinaden werden fleißig und gern gehört. Aber braucht es erst gesagt zu werden, daß gern hören keinen Maßstab abgibt für die Empfänglichkeit des Hörers oder für den Erfolg des *) Treffliche Worte sagt über dieses Thema Dr. Joöl in der Vorrede zu seinen Festpredigten.