Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 1 (10.1874)
- Date
- 1874-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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3 und ״gebildet", von ״religiös" und ״aufgeklärt" geschaffen hat, oder doch plausibel zu machen suchte, indem sie selber in Inhalt und Form mit unverkennbarer Absichtlichkeit alles, was die Zeit gehegt und gebracht, was nach freiem, geistigem Streben aussah, ignorirte, es oft vor allem Volk als dem Glauben gegensätzlich und feindlich hingestellt und darum alles Volk von Bildung und Aufklärung ausgeschlossen wissen wollte.*) **) Braucht es gesagt zu werden, daß dies, zumal in unserer Zeit, nicht blos vergebliche, sondern dem Glauben gefährliche Mühe ist? — Die von jedem Gedankenhauche unberührte heilige Einfalt läßt sich jetzt, wäre es auch heilsam, nicht mehr conserviren. Der von der Luftströmung der Zeit hermetisch Abgeschlossene wird früher oder später draußen von dem scharfen Windzuge ersaßt und, mit seinen Wirkungen unvertraut, wehrlos von ihm niedergeworsen. Das in der Kirche verhüllte oder gedämpfte Licht strömt ihn! draußen plötzlich entgegen, und das ungewohnte Auge wird nun geblendet. — Darum lautet das Postulat auch hier: mehr Licht und mehr Luft zum Gedeihen der Religion. Indern sich das geistliche Work aus den neugeschaffenen Boden der Thatsachen und wissenschaftlichen Ermittelungen stellt und sich so nicht mehr denen entfremdet, die bereits auf diesem Boden festen Fuß gefaßt haberr, erreicht es bei ihnen einestheils vielleicht, was ein geistvoller Schriftsteller von SchleiermacheBs Reden sagt, daß die Zuhörer bei ihrren desto a 1t dächtiger waren, je be dächtiger sie wurden, es macht auch anderntheils das Volk allmählig heimisch auf diesem rreuen Terrain u. danrit auch wehrhaft gegen dte drohende Gefahr. Alle Errungenschäften, Fortschritte und Erfolge der neuen Forschung, die ja doch zumeist nur die Natur, das Irdische, die Materie angehen, weit entfernt davon, das Wesen des Göttlichen zu beeinträchtigen, lassen sich vielmehr, natürlich nur insoweit sie für alle Gebildeten fest stehen und nicht mehr der Schwankung der Tagesmeinungen unterworfen sind, in den D i e n st der Religion nehmen und für sie verwerthen; und indem sie mit vollem Bürgerrecht an heiliger Stätte erscheinen und so gleichsam kirchen- und kanzelfähig werden, erlangen sie für das Volk eine höhere, bleibendere Bedeutung — und damit ist ein religiöses Werk und ein Werk der Volks b i l d u n g gethan. — Heben wir beispielsweise das Gebiet heraus, auf welchem wohl die größte Umgestaltung in den herrschenden Anschauungen hervorgebracht wurde; das Gebiet der Sternkunde mit all den Lehren über das Univer- *) Eine solche ״Richtung" gab's doch wohl innerhalb des Judenthums zu teiner Zeit; ״lernen und lehren" war hier stets die allen Richtungen gemeinsame Parole. (Red.)