Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 12 (1894)
- Issue
- 1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 134 (sequence 140)
- Language
- German
- Belongs to
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wurden eben zur Belohnung für ihren Abfall die Geehrtesten. Es waren Leute, welche glaubten, geistige Güter, wie Religion und Bildung, seien eine Waare, mit der einen könne man die andere erkaufen nnd ohne Besinnen gaben sie die Religion, die eigenste Persönlichkeit, das innerste jüdische Wesen preis. Nach ihrer Meinung hatten sie unzweifelhaft einen guten Kauf gethan. Denn sie tauschten für Mißachtung, Verfolgung, Opfer — Ehre, Ansehn und Vortheil ein. In der Mitte standen — und sagen wir nur getrost: stehen — die Wenigen, die mit der Freiheit die Treue, mit der Anerkennung des Wahren die Liebe zum Guten, mit dem Leben in der Welt das Leben für Gott und Ewigkeit zu vereinen wissen. Am zahlreichsten sind wiederum die Halben und Lauen, die zwar das eine nicht lassen und das andere haben möchten und durch den unausgeglichenen Kampf zwischen Anhänglichkeit — denn Treue kann man diese überzeugungslose Beharrung nicht nennen — an die Religion oder besser an das Blut — und den Reiz der modernen Bildung, innerlich zerrissen und haltlos und, wie immer die Halben, unfroh und unglücklich sind, weil sie zu schwach sind, mit Hilfe des einen das andere zu bemeistern. Bildung und Zeitgemäß, das sind die beiden Schlagwörter, die bis zum Ueberdruß ausgeschrieenen Parolen, die uns selig machen sollen. Wir müssen, so hieß es, uns durchaus die Bildung der modernen Welt aneignen, denn nur so können wir erwarten, daß man uns da draußen in der Welt als gleichwertig ansieht, wir müssen uns in unseren Sitten, in unserm Leben zeitgemäß umgestalten, wir müssen unser jüdisches Wesen, das uns so abstoßend, so verhaßt macht, ablegen und zeitgemäß umgestalten. Die Religion brauchen wir ja nicht grade pceiszugeben, aber sie muß auch hübsch zeitgemäß werden d. h. sie muß uns möglichst wenig ineommodiren, unser Gottesdienst soll ja nicht grade abgeschafft werden, aber er muß möglichst gebildet und zeitgemäß werden, möglichst wenig auffallen, wenn auch Innigkeit und Wärme damit verloren gehen.