Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 12 (1894)
- Issue
- 1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 136)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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130_ Leben zu übersetzen, mit dem Worte Ernst zu machen: ״Heilig solltihr sein! — Ihr sollt mir ein Reich von Priestern sein". Und so geschah es. An die Stelle des Propheten trat der Priester und Gesetzeslehrer, an die Stelle der flammenden, aber nur allgemeinen Ermahnung zu heiligem Leben, das Gesetz und die Deutung mit dem peinlich ausgearbeiteten Lebensplan. Das ganze Volk hüllte sich in das engmaschige Gewand priesterlicher Satzung, dem kaum eine Aeußerung des Lebens zu freier Willkür entschlüpfen konnte. Drei Jahrhunderte hatte das Volk dieser Aufgabe mit Hingebung und dem Ernst gelebt, der ihm von jeher eigen war, da erscheint ein Gegner, mit dem es einen Riesenkampf aufzunehmen hatte, der vielleicht heute noch nicht beendet ist. Die Siegeszüge des großen Erorberers Alexander hatten die Schranken, welche bis dahin die morgenländische Welt von der abendländischen trennten, niedergerissen, staunend sah jede eine ihr fremdartige Gestaltung des Lebens vor sich, verschieden in allen Aeußerungen und am grundsätzlichsten in den entscheidenden. Jede entsandte zum Zweikampf das, was ihre Eigenart und damit ihre Stärke am schärfsten ausprägte. — Israel und das Hellenenthum, jedes entsandte die Waffen, in denen es sich am stärksten wußte: dieReligion, das Leben im Geist und das heitere Leben der Sinne, Wahrheit und Schönheit. Wie einst der Gott Israel seine Schaaren geführt hatte zum Kampfe gegen die finsteren Götzen Kenaans, so trieb er sie jetzt zum gefährlicheren Krieg gegen die heitere Götterwelt des Olymp. Zwar hatte das hellenische Wesen längst seine unvergleichliche Hoheit und Würde, seine Schönheit und seinen Adel eingebüßt und was in den Orient hinüberschwemmte, war vollends nur ein trüber Bodensatz. Aber grade darum fand der neue Glaube, das fröhliche heitere Leben, die feine Sinnlichkeit, die leichtfertige Auffassung aller menschlichen Beziehungen, die bunten Spiele und Feste um so rascher das Herz der Menge des Volkes. Denn es ist allezeit das Kennzeichen von Barbaren gewesen,