Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 12 (1894)
- Issue
- 1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 103)
- Language
- German
- Belongs to
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97 ziehung auf Lohn und Strafe. Wer eine böse Handlung verübt, wird nur dann ohne Erbarmen bestraft, wenn er in vollem Bewußtsein die That ausgeführt. Wer einen Mord mit voller Berechnung verübt, wer nach einem wohlangelegten Plan gehandelt, wer den Gedanken lange mit sich herumgetragen, den trifft unnachsichtlich die volle Strafe des Gesetzes; wer hingegen nicht mit vollem Bewußtsein die That vollbracht, wer in einer Aufwallung von Wuth, ohne vorher daran gedacht zu haben, einen Todtschlag verübt, nachdem er vorher gereizt worden, für den regt sich das Mitleid, und wir mildern unser strenges Urtheil. Der Eine ist ein vollkommener Bösewicht, der Andere ist zu bedauern. Eben so halten wir es mit der Tugend. Wir nennen den erst vollkommen tugendhaft, der sich von seinen Handlungen Rechenschaft geben kann, der mit seinen guten Handlungen auch gute Grundsätze verbindet. Es ist sonach keine Frage, daß Wissen und Tugend zusammen gehören. Wir beurtheilen den Menschen nach seinem Wissen und Thun; aber in welchem Verhältniß stehen diese beiden Faktoren zu einander? Welches ist das Frühere? Welches das Spätere? m. Mau ist geneigt, anzunehmeu, daß das Wissen das Frühere ist und das Thun die Folge; aber das ist in Wirklichkeit nicht der Fall, sondern das Umgekehrte findet statt. Das Ursprüngliche ist das Thun und nach diesem Thun richtet sich das Wissen. Der Mensch weiß, nachdem er gethan hat. Erst נעשה dann das נשמע. Fraget den Künstler, wie er auf den ersten Gedanken des staunenswerten Kunstwerkes gekommen, das nach der Darstellung immer neue Seiten der Betrachtung darbietet, in das wir immer tiefer uns versenken können. Ist es das Ergebniß langen mühsamen Nachdenkens? Wenn cs das wäre, müßte jeder gute Denker Künstler sein. Was verschafft dem Tonkünstler den Zauber, Leben zu hauchen in die Saiten, daß die melodischen Klänge Deine tiefste Jahrgang 1894. Festpredig len. 7