Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 12 (1894)
- Issue
- 1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 102)
- Language
- German
- Belongs to
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Menschen gesehen, die sich selbst anklagen, sie seien zu schwach, ihrer besseren Einsicht zu folgen? Ich sehe beut־ lich mein Unglück vor Augen, aber mich zieht's unwiderstehlich; ich kann nicht anders, so sprechen sie. Gar mancher weiß, was er thun soll, und thut es dennoch nicht. Es muß also eine andere Macht im Menschen geben, die ihn gegen sein besseres Wissen zum Bösen treibt, so wie auch das Umgekehrte wahr ist, daß auch Tugend gefunden wird ohne Wissen. Es giebt schlechte, einfache Menschen, die ohne langes Nachdenken das Gute wählen, die sich durch alles Klügeln, durch alle Scheinbeweise, von dem, was sie unmittelbar für gut halten, nicht abbringen lassen. Es sagt ihnen die innere Stimme: handle so, — ohne sich des Grundes bewußt zu werden. Wie oft rührt uns nicht der Anblick eines Mcnscben, der weder ein gutes Beispiel vor sich gesehen, noch Gelegenheit hatte, seinen Geist auszubilden, der aber doch den Weg der Tugend wandelt. Ein schlichter Mensch, der sich in keine Auseinandersetzung einlassen kann, ist oft ein zärtlich liebender Gatte, ein zu allen Opfern für seine Kinder fähiger Vater. Habt ihr es nicht oft gefunden, daß Menschen, von denen ihr es am wenigsten erwartet habet, bereit sind, für das Gute zu wirken, im Wohlthun viele Andere beschämen, die zwar über Menschenliebe gut zu sprechen, aber nicht sie zu üben verstehen. Es ist also nicht richtig zu behaupten, Tugend und Wissen sei Eins. Es ist nicht richtig zu sagen, der Gute weiß, was er thut, und der Böse weiß nicht, was er thut, denn cs giebt schlechte Menschen, unter denen die wissen, was sie thun sollten, und gute, die des Wissens entbehren. Wie verhält sich, fragen wir wieder, Tugend und Wissen zu einander? Stehen sie in gar keiner Beziehung zu einander? Sind sie besondere Kräfte, von denen die eine bei dem einem Menschen wirkt, die andere bei dem anderen? Welchen Zweck hätte dann alle Erziehung und Bildung, wenn sie ohne Einfluß auf das Handeln wäre. Nimmt man ja im Leben Rücksicht auf das Wissen beim Handeln, in Be-