Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 12 (1894)
- Issue
- 1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 101)
- Language
- German
- Belongs to
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95 Schatz, der mir reiche Zinsen bringt, wenn ich die Armen begünstige". Es ist mein eigener Bortheil, wenn ich kleine Opfer bringe, und dafür Größeres empfange. Der Grausame hat diese Einsicht nicht, er weiß nicht, daß er der Verachtung sich aussetzt, und in der Noth das Mitleid verscherzt hat; er sieht nicht, daß er verliert, indem ec zu ge- Winnen glaubt. Mit einem Worte, wir können sagen, der Gute weiß, was er thut; er überlegt genau die Folgen jeder Handlung, während der Schlechte nicht weiß, was er thut, denn es geht ihm das richtige Urtheil über den Werth der Handlungen ab. Wer daher gut handeln will, muß vor Allem sein Urtheilsvermögen ausbilden, um nachher das Richtige zu treffen. II. Nach dieser Auseinandersetzung müßten wir aber erwarten: ״ נשמע ונעשהerst einschen, verstehen, und dann handeln", denn das Umgekehrte scheint unmöglich. Und dennoch liegt ein tiefer Gedanke in dem: נעשה ונשמע. Ohne die Bedeutung des Wissens auf das Handeln in Abrede zu stellen, wollen wir zeigen, daß das Wissen nicht die Quelle des Guten ist. Die Erfahrung giebt uns genug Beispiele an die Hand, daß hohe Bildung vor Laster nicht schützt. Es giebt hochgebildete Menschen, die gegen ihr besseres Wissen schlecht handeln. Ergreift nicht oft die Leidenschaft den Menschen so sehr, wird so ganz Herr über ihn, daß er, blind gegen alle Vernunftgründe, obwohl er die bösen Folgen der Handlung kennt, sie dennoch begeht? Hast Du nicht oft, von den schlechien Wirkungen einer Sünde belehrt, Dir fest vorgenommen, von ihr zu lassen? und bei erneuter Gelegenheit faßt Dich die Leidenschaft mit solcher Macht, daß Du ihr dennoch nachgicbst. Giebt es nicht kluge und besonnene Menschen, die der Zorn oft so ergreift, daß sic im Momente des Affektes zu Worten und Thaten sich Hinreißen lassen, die sie später bereuen? Zieht nicht oft der Neid ins Herz eines Menschen ein, der auch weiß, wie thöricht diese Leidenschaft ist? Hast Du nicht