Mannheim
Compact Memory

Israelitisches Predigt-Magazin · 1894-01-01 · 1894 · p. Seite 89

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
12 (1894)
Issue
1894
Date
1894-01-01
Page
Seite 89 (sequence 95)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9616701-9618385-9618386--2449-9618479
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

II. So führt uns der ewige Umschwung der Zeit, das Entschlafen und Erwachen der Natur, zu ihrer Verehrung göttlicher Größe. Das giebt uns aber auch die Gewißheit, daß der eine Gesetzgeber auch das gleiche Gesetz, wonach allemal unter der Hülle des Scheintods unvergängliches Leben schlägt, walten läßt in dem Leben der Menschheit, in dem Leben unseres Stammes. Ist ja auch Israel wie die Natur von Gott — ״ein Sprößling seiner Pflanzung, ein Werk seiner Hände, das seinen Ruhm bezeugen und verkünden soll". Auch Israel spricht in seinen Geschicken zu unsdasWort:״ אני ישנה דפר׳Ich schlafe, aber mein Herzwacht". Es schlief nur, wohl konnte der Eiseshauch der Knechtschaft es erstarren machen, konnten Bedrückung und Erniedrigung es in Kerkerschast zwingen, aber unter der Decke blieb sein Herz, der himmliche Funke lebendiger Gotteserkenntnis, wach; ja sie konnten jeden Hauch des hcrannahenden Frühlings, der alle andern Völker hinausrief zu Freiheit und Licht, grade von ihm fernhalten, aber in seinem Innern, in seinen Herzen, in seinen armseligen Wohnungen glomm das Licht der einmal entzündeten Gotteserkenntnis, das konnten sie nicht unterdrücken, das Herz Israels, die Uebung seiner Tugenden, die Pflege seiner Religion, seines geistigen, gottgeweihten Lebens. Ja je dichter die Hülle, je stärker der Druck seiner Feinde, um so inniger war jede Liebe und Liebesthat, um so stärker um so hingebender schlug seine opferfreudige Seele. Mochten die Feinde Israel es immerhin tot glauben oder sagen, Israel sprach grade in der trüben Winterszeit der Bedrückung am lautesten das Wort: ״Ich schlafe nur, aber mein Herz ist wach!" Und siehe es schlug die Stunde, da auf die Knechtschaft die Freiheit kam, auf die Erniedrigung die Aufrichtung, da das Wehen des Lenzessturmes auch in seine dumpfe Kerkerschaft drang und an seinen Ketten rüttelte, daß sie zerbrachen. Der erste Frühling, das war

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.