Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 12 (1894)
- Issue
- 1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 75)
- Language
- German
- Belongs to
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69 das Fest als ein Spiegel des Weltalls treu zurück was ein Menschenherz bewegen kann, allein und im Zusammen- Hang mit Natur und Menschheit, mit Ehedem und Einst, es bindet Himmel und Erde an einander und verknüpft Vergangenheit und Zukunft. Es überträgt die geheimnißvolle Bilderschrift der Natur in die kräftigen Schriftzüge der Geschichte und selbst in der einzelnen Menschenscele bleibt der schwache Nachdruck einem feineren Auge noch lesbar. Es scheint also ein Fest der Menschheit in uns zu sein, daß so wenig von dem Geist religiöser Absonderung gefärbt ist, wie der Himmel, der in gleicher Unterschiedsloser Bläue über alle Breiten der Erde, über alle Grenzpfähle der Länder hinaus sich dehnt. Ihr wißt aber, dem ist nicht so! Kein Fest ist so durch und durch national, beschränkend, beengend, absondernd wie dieses Fest. Als ein unerbittlicher Zirkel schlägt es um den israelitischen Mittelpunkt einen geschlossenen Kreis, alles draußen lassend, was in weiterem Umfang umherliegt, es sei noch so wert. Auch die Feier des Festes spinnt uns in den engen Bezirk des Hauses ein, durchschneidet alle Fäden, die uns mit draußen verbinden, und scheucht uns mehr denn je in die heimische Behausung. Scheint also das Fest mit seiner Feier nicht der schärfste Widerspruch zu sein gegen die glänzenden Hoffnungen, gegen die befreienden Verheißungen, daß einst diese Schranken fallen und über das Glaubenseiland Israels die Wogen allgemeinen Menschenthums, einender Gottes- Verehrung hinfluthen werden, gegen die Weissagung des Propheten, daß die Gotteserkenntnis die Erde bedecken wird, wie das Weltmeer den Grund? Ja errichtet nicht unser Fest, unzufrieden mit dem natürlichen Bollwerk der Insel, Mauern und Türme, in die die zähe Besatzung sich zurückzieht gegen jede andringende Welle. Also mitten in die Lehre und die Verkündigungen von Einheit und Versöhnung setzt das Fest starr und unversöhnlich den Gegensatz.