Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 12 (1894)
- Issue
- 1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
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66 der Schrift birgt das Heilmittel, das uns erlöset aus den Wirren und Kämpfen der Gegenwart, und soll sich an unserer Gesammthcit erfüllen die Verheißung des Schrift- Wortes: ״ וגאלתי אתנםich werde Euch erlösen", so muß von diesem Heilmittel der ausgiebigste Gebrauch gemacht werden in Staat und Gesellschaft. IV. Der vierte Kelch endlich gilt dem Greisen alter. Das ist die Zeit der Ruhe und des Stillstandes, die Zeit der sinnenden Rückschau und der in sich gekehrten Betrachtung. Des Lebens Kampf ist ausgekämpft, die Entwickelung ist abgeschlossen; die Ernte ist vorüber, und man zehret von den Vorräthen, die in den Speichern der Erinnerung ausgehäuft sind. Wohl uns, wenn wir ausgesöhnt mit der Welt und mit dem Schicksal an des Lebens Ausgang stehen, wenn wir das Ziel dcr Selbstläuterung erreicht und nicht mit bitterer Reue die verfehlte Richtung unseres Lebens zu spät erkennen. Dann erhebt sich dankerfüllt der Blick zu Gott, ונומרין את ההלל und unserem Herzen entströmet das Lob dcr gütigen Vorsehung, die uns väterlich an der Rechten gefaßt, nach ihrem Rathe uns geleitet und zu hohen Ehren hieniedcn gelangen ließ. Aber zu solchem Ende gelangt nur derjenige, der schon beim zweiten Kelch das Halle! begönnen, der schon in der Jugend die Weihe der Religion empfangen und das Ideal der Gottesebenbildlichkeit sich zum Ziele erwählt hat. Denn nur ״auf dem Wege der Tugend wird die gottesgeweihte Krone des Greisenalters gewonnen". Wer aber dem Jrrlichte der Sinnlichkeit gefolgt ist und gegen sich selbst gcwüthet hat wie sein ärgster Feind, wer sich stets von der Selbstsucht hat leiten lassen und in seinem Herzen gesprochen: ״es giebt keinen Gott!" der hat ein gar trübes Alter, das von dem milden Schimmer frühlicher Erinnerung nicht verklärt ist; der flicht die Erinnerung, die ihn nur an Trümmer gemahnet und an die Verwüstung, die er überall angerichtet; der denkt mit Furcht und Bangen an die Reise in die ewige Heimath, für die er keine Weg-