Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 11 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 100)
- Language
- German
- Belongs to
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94 allen Sterblichen befehlen kann. Aber wenn wir es genauer erwägen, so ist die Erinnerung an die Erlösung aus Aegypten angemessener, als die an die Erschaffung der Welt, denn was lehrt uns denn die Thatsache, daß Gott die Welt aus dem Nichts ins Dasein gerufen hat? Gottes Macht, Gottes Weisheit, aber weiter nichts; mächtig iudeß und reich an Einsicht kann auch der sein, der diese Güter mißbraucht im Dienste wrauuischer Gewalt; seinen Geboten muß sich freilich der Schwächere fügen, aber er thut es wiedcrwillig und gezwungen, einzig der Uebermacht weichend. Ist aber dies der Gehorsam, den Gott fordert, dem wir nach dem bekannten Ausspruch dienen sollen wie Knechte ohne Absicht ans Lohn, einzig aus innerer Ueberzengnng, daß seine Satzung gut und gerecht ist. Diese Ueberzengnng 'kann uns die Lehre, daß Gott den Himmel und die Erde erschaffen hat, nicht bereiten, daraus erfahren wir nichts von seiner Gerechtigkeit, welche doch die einzige Gewähr ist, daß er auch von uns nur Gerechtigkeit fordern wird. Diese Erkenntniß schöpfen wir nur aus der Geschichte der Menschheit, und am deutlichsten wurde sie einst verkündet in Aegypten und am Schilsmeere, wo es offenbar wurde, daß ein gerechter Gott die Gottlosen demüthigt und die Unterdrückten rettet. Hier erkennen wir den gerechten Gott, der nicht gewaltsam herrscht, sondern nur gerechte Gesetze den Sterblichen geben wird, und so ist auch dieser Ausspruch trotz seiner jüdisch-nationalen Form in seinem Kern ein nicht nur für Israel, sondern für alle Welt gültiger, werth des Platzes an der Spitze einer Gesetzgebung für die Menschheit, und wir sollen die Lehren der Schrift beobachten, nicht nur, weil wir Juden, sondern vor Allem, weil wir Menschen sind. Tie Erinnerung an den großen Tag.des Sinai stellt an uns um so dringlicher die Aufgabe, diejenigen, die den Rahmen höher stellen als das Bild, aus die rechte Erkenntniß hinzuweisen; wir sollen sie nicht schelten nnd verspotten; Schelten und Spotten, sie ziehen das Herz zusammen, daß es sich vollends der Wahrheit verschließt; aber es gilt endlich den