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Israelitisches Predigt-Magazin · 1893-01-01 · 1893 · p. Seite 93

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
11 (1893)
Issue
1893
Date
1893-01-01
Page
Seite 93 (sequence 99)
Language
German
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93 Schranke und einer mannigfachen Deutung sind diese Worte fähig. Da heißt es zum Beispiel: ״Du sollst nicht morden", und die meisten lesen es mit dem Gefühl der Genugthuung, daß sie nie diese Schuld auf sich geladen haben. Aber wer strenger mit sich zu Gerichte gebt, der fragt am Ende doch: ist es nur ein Mord, wenn du einem Menschen sein Leben nimmst, oder fällt es nicht auch unter diesen so furchtbaren Begriff, wenn du deinem Nächsten Tage, Wochen, Jahre seines Lebens raubst, wenn du Sorgen ans sein Haupt ladest, die seine Tage verkürzen, wenn du ihn beschämst, daß ihm das Blut aus den Wangen weicht, wenn du, wie die Alten die Beschämung so treffend bezeichnen, wenn du ihm das Blut vergießest? Die Schrift lehrt: Schon der ladet Blutschuld aus sich, der in seinein Hause die Vorkehrungen zu treffen versäumt, durch die der Fremde, der in dies Hans tritt, vor Schaden behütet wird. Die Ausflucht, er könne sich sein Haus nach seinem Belieben einrichten, er sei dem Fremden, der unaufgefordert hineinkomme, für Schaden nicht verantwortlich, hält vor dem jüdischen Gesetze nicht Stand. Jede Gefährdung der Gesundheit des Nächsten fällt mittelbar unter den Begriff des Mordes; ja die Schrift bezeichnet sogar diejenigen als die Mitschuldigen an einer Blutthat, die durch ungenügende Armenpflege einen Menschen zur Verzweiflung und dadurch zur Ausübung böser Thaten getrieben haben. Solcher Ausdehnung ist dieses Gebot fähig, so daß wohl nicht Viele mit gutem Gewissen sich von jeder Schuld freisprechen könnten, und wie dieses, so alle andern. Einen Leitfaden für das ganze Leben, eine Antwort für jede Frage des Gewissens bieten uns diese zehn Worte, wenn wir nur ernstlich die Antwort begehren. Um so merkwürdiger ist es, daß dieser Satzung, welche einen ganz allgemeinen Charakter hat, der Ausspruch vorangeht: ״Ich bin der Ewige, dein Gott, der ich dich herausgeführt habe aus Aegypten", ein Ausspruch, der, wie es scheint, sich nur an das israelitische Nationalbewußtsein wendet. Wir hätten erwartet: ich bin der Euüge, der Himmel und Erde geschaffen hat, weil das der Rechtstitel ist, kraft dessen Gott

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