Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 11 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 101)
- Language
- German
- Belongs to
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95 jüdischen Geist zu befreien, daß er seine Adlersschwingen rege und seinen Flug nehme zu allen Völkern. Tie Alten vergleichen die Thora mit dem Feuer und sie sagen, dieser Vergleich gelte auch darin, daß wer vom Feuer allzuweit sich entferne, kalt bleibe, und wer ihm gar zu nahe komme, verbrenne. Viele klagen, das Judenthum biete ihnen nichts, aber kann denn ein Feuer erwärmen, wenn inan sich von ihm fernhält, kann eine Lehre begeistern und erbauen, wenn man sich nicht liebevoll in ihre Betrachtung versenkt? Andere wiederum verbrennen in der Glut des Fanatismus; da gilt es, um im Gleichniß der Alten zu bleiben, die rechte Mitte zu gewinnen, daß das Feuer erwärmt, aber nicht verzehrt, daß die Wärme des Herzens und die Kühle des Verstandes sich ergänzen, um uns hier vor frostiger Gleichgiltigkeit, dort vor phantastischer Ueberschwenglichkeit zu wahren. Gieb Du, Allgütiger, unseren Mühen Deinen Segen! Wir wollen das Himmelsseuer, welches am Sinai zur Erde kam, pflegen, daß Sturm und Fluth es nicht verlöschen, daß die Völker zu seinen Flammen wallen, um ihren Geist zu erleuchten und ihr Herz zu erwärmen; wir wollen die Erstlingssrucht der Erkenntniß, die Tu am Sinai uns, Deinem Erstliugsvolke, gegeben, nicht als unseren nationalen Besitz ansehen, sondern sie hinlegeu als Opfer am Altar der Menschheit, daß alle Welt sich labe an dem Geistesmanna, das Du in der Wüste den wüsten und öden Seelen gesendet hast, um sie zu erquicken und aufzurichten. Amen!