Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 11 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 97)
- Language
- German
- Belongs to
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91 Es gab Zeiten, denen wie jenem Bauern der Rahmen besser gefiel als das Gemälde, die die Schale für das Wesen hielten, und die für die Religion zwar unentbehrlichen, aber nicht wesenhaften Formen derselben als ihren eigentlichen Inhalt priesen. Es war ein beklagenswerther Jrrthum, und wenn er noch heute feinen Anhang hat, so beweist das eben nur, daß jener bäuerische Sinn nicht so leicht zu entwurzeln ist. Wieder gab es Geschlechter, die gewisse Abschnitte der Schrift mit Leidenschaft erfaßten, Abschnitte, die von uns geringerer Beachtung gewürdigt werden; sind diese Stellen darum in unseren Augen an sich geringwerthig? Keineswegs! Ist eine Jugendschrift deswegen verwerflich, weil sie nur die Begeisterung der Jugend weckt? So waren zum Beispiel alle Vorschriften über die Opfer gleichsam für die Jugend des Menschengeschlechts berechnet; diesen waren die Opfer der Thiere, des Mehls, des Oels und des Räucherwerks unentbehrlich zur Erweckung des religiösen Geistes; sie deswegen tadeln, wäre ebenso thöricht, als den Jüngling tadeln, daß er nicht die Reife des Mannes besitzt, daß so manche Erscheinung ihm die junge Seele hebt, von der er sich später gleichgiltig abwenden wird. Sodann gab es Menschen, die zwar nicht den Rahmen mehr verehrten als das Bild, die auch uicht gerade die den unreifen Sinn besonders anziehenden Satzungen des äußern Opserkultus als das Wichtigste betrachteten, die aber doch die grellen und glänzenden Bilder eines großen jüdisch-nationalen Lebens, eines Jerusalem, welches die Hauptstadt der Welt seiu wird, eines Messias, der der gesalbte König Israels werden und zugleich zum Herrscher der ganzen Erde werde erhoben werden, höher stellten, als die religiöse Erkenntniß und den sittlichen Fortschritt, diese Bilder waren nicht falsch, sondern nur verzeichnet, karikirt; in dein Spiegel ihres Geistes waren die Züge der echten Ideen verzerrt und Nebensächliches über Gebühr hervorgehobcn. Denn nicht daraus kommt es an, daß Israel das geistige Uebergewicht gewinne, sondern daß die Wahrheit und die geläuterte Erkenntniß obsiege.