Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 11 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 96)
- Language
- German
- Belongs to
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90 vergoldetes Schnitzwerk ein so mattes Bild verziert, so ist;j eigentlich nur das Urtheil lächerlich, aber nicht der Urtheilende, » denn das Auge muß zum Sehen erzogen werden, erst dann! entdeckt es die echte Schönheit und läßt sich durch das Grelle j und Glänzende nicht berücken. | Aber das echte Kunstwerk hat auch noch den Vorzug daß cs unerschöpslich, daß es unendlich ist in den Anregungen! welche es dem gebildeten Geiste bietet. Es redet zu dem Jüngling eine andere Sprache, als zu dem reiferen Manne, es bleibt unverändert dasselbe, aber indem der Geist des Betrachtenden sich wandelt, sich entwickelt, sich klärt und kühlt, wechselt auch der Eindruck. Ja manches Kunstwerk erregt nur die halbentwickelte, die gährende Einbildungskrast und läßt den gereiften Menschen kalt. Ein Gedicht z. B., das des Knaben entzückt, den Jüngling begeistert hat, wird im späteren Leben achtlos bei Seite gelegt, und wiederum ein anderen Gedicht wird bis in das Alter hinein gehegt, aber aus jeder \ Taseinsstuse redet es in einem anderen Tone zu unserem Herzen. ׳ Diese Betrachtungen sind auch einer Anweuduug aus die Religion fähig. Da wird mit scharfer Betonung von denen, die starr an dem Uebcrkommenen festhalten, die jede I: Neuerung wie eine Empörung gegen den Thron Gottes verdämmen, der Satz ausgesprochen: die Wahrheit ist ewig und und unveränderlich, sie ist heut dieselbe, die sie am Siuai war und wird in alle Ewigkeit hinein keine Aenderung erfahren. Dieser Satz ist ebenso wahr wie selbstverständlich. Aber das Verhältniß der Menschen zu der Thora, welche vor; Jahrtausenden am Sinai zur Erde kam, hat gewaltige Aenderuugen erfahren; wir sehen sie mit anderen Augen an als dereinst unsere Väter am Sinai und als. all die darausfolgenden Geschlechter, die, wie wir selbst, die Brille des jedesmaligen Zeitgeistes nicht los werden konnten und in seiner Strahlenbrechung das Licht der Thora betrachteten. Hat das Bild sich gewandelt, weil es uns schöner und erhabener als | vordem erscheint, da mir mit reiferem Geiste unseren Blick darauf ruhen lassen? .... ji ר׳י 1 1