Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 11 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 93)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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87 Ein großer französischer Denker, der inmitten einer strengkirchlichen Gesellschaft gelebt hat und der, ein gewaltiger Zweifler, fast allen Erscheinungen sein Fragezeichen angeheftet hat, sagte kurz vor seinem Tode: ״ich gehe nun in das große Vielleicht." In unserem Zeitalter aber gilt es als starkgeistig, geradewegs zu erklären, mit dem Tode sei Alles aus.' Wir wollen diese Leute nicht, wie es vordem Brauch war, verdammen; es ist roh und ungeziemend, Jemand für seine Ueberzeugungen zu verurtheilen, und überdies straft er schon sich selbst genug, denn er raubt sich Halt und Trost in den traurigsten und bittersten Stunden des Daseins, und für den, der der Meinung huldigt, daß nach dem Tode Alles aus sei, ist eigentlich auch schon vor dem Tode Alles aus. Jndeß der Hinweis ist wohl erlaubt, daß ein völliges Anfhören der Seele, der ihrem Wesen nach uns unbekannten, lebenspendenden Kraft, allen Naturgesetzen widerspräche, da weder von den Stoffen noch von den Kräften irgend etwas verschwinden und in Nichts sich auflösen könne. Wir stehen nicht nur auf dem Standpunkt der Religion, sondern auch auf dem Standpunkt der Naturwissenschaft, wenn wir die Unsterbliche keit der Seele festhalten. Sie fragten den Salomo: ״Wer ist vor Andern würdig des ewigen Lebens?" Salomo ist Vertreter der menschlichen Weisheit; vielleicht hätte ein Mose, ein Samuel, ein David eine andere Antwort gegeben; aber es liegt im Wesen der Weisheit, daß sie keiner Autorität sich unterwirft, daß sie nur den Gründen sich beugt, daß sie auf sich selbst sich stellt. Es tritt uns Jemand entgegen mit der Krone des Alters geschmückt, voll des Wissens und der Frömmigkeit, was nützt es, wenn er uns nicht überzeugen kann. Aber unwürdig, sagt Salomo, ist der, der, wenn er sich auch nicht unterwerfen kann, nicht wenigstens Ehrfurcht vor den Alten bekundet — נגד זקניו כבוד. Pietät können die Alten verlangen, die unter nns wandeln, die Alten, die von uns gegangen sind. Dies sollte sich besonders unser Zeitalter in's Herz schreiben; wir leben in einem Jahrhundert, wo auch die Mei-