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Israelitisches Predigt-Magazin · 1893-01-01 · 1893 · p. Seite 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
11 (1893)
Issue
1893
Date
1893-01-01
Page
Seite 86 (sequence 92)
Language
German
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86 ״Jeder, der seine Greise ehrfürchtet" — und der Talmud fährt fort: Einstmals erkrankte dem Rabbi Josua ein erwachsener Sohn und der Kranke schien zu Zeiten wie in eine andere Welt versetzt und redete in Träumen vom künftigen Leben. Da fragte ihn der Vater: ״Was siehst Tu mein Sohn? und jener antwortete: עולם הפוך אני רואה, ich sehe eine verkehrte Welt; die hier oben sind, sind dort unten, die hier unten sind, sind dort oben." Da sagte der Vater: עולם ״ פרור אהה רואהNicht eine verkehrte, sondern eine geklärte Welt hast Du gesehen." Das ewige Leben! — ein zu allen Zeiten viel umstrittenes Wort. Merkwürdig genug; je weniger die Jahr- Hunderte der Vergangenheit durch Bildung sich auszeichneten, je mehr sie im Wahn der Unwissenheit befangen waren, desto besser wußten sie, wie es im Jenseits aussah. Es ist nicht ohne Humor, daß der Talmud den Bericht über das Jenseits Jemand in den Mund legt, der krank ist, dessen Geist für die Erscheinungen des Diesseits umschleiert ist. Wie vermessen ist es auch, irgend etwas Sicheres über die künftige Welt melden zu wollen, da wir ja diese Welt, in der wir leben, so wenig kennen. Der Mensch versinkt in Schlaf und erwacht aus dem Schlaf; ja was ist denn eigentlich Schlaf, wie kommt er, wie vergeht er? Gelegenheit, diese Erscheinung zu beobachten, haben wir wahrlich genug; dennoch ist uns dieser Halbbruder des Todes so räthselhaft, wie der Tod selbst. Was ist die Seele? was das Denken? das größte Geheimniß ist jeder sich selbst. Wir sehen die Sterne in unendlichen Fernen und kennen ihren Lauf; aber wir wissen nichts von dem innersten Kern unserer Persönlichkeit, und dieses Ich, um das sich unfer ganzes Dasein, um das die Welt sich dreht, ist uns unerklärlich und tief verschleiert. Wie thöricht wäre es, wollten wir unsere Phantasie walten lassen und die Bilder, denen man es nur zu gut anmerkt, daß unser irdisches Leben das Modell gewesen ist, für Wirklichkeit zu halten. Aber wie übereilt ist es auch, das Jenseits zu leugnen.

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