Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 11 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 81)
- Language
- German
- Belongs to
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— 75 — Licht, aus der Knechtschaft in die Freiheit geführt hat. Wir verehren den großen Gott, der nicht will, daß seine Kinder Fesseln tragen, nicht die Fesseln, welche den Körper beugen, nicht das von edleren Geistern noch schwerer empfundene Joch, das die Vernunft niederzwingt unter die Herrschaft unverstandener Formen. Aber wie freudig auch unser Herz sich hebt, daß wir dem dienen, der unsere Freiheit will, wir können, so wir unserer Vorfahren gedenken, ein Gefühl der Beschämung nicht los werden, wie die Israeliten damals beim Auszug aus Aegypten so wenig, ja sogar nichts dazu gethan haben, um frei zu werden. Es heißt in der Schrift: ״Der Herr wird für Euch streiten, ihr aber sollt ruhig sein!" Dieses Wort ist nichts weniger als eine Ehrenerklärung für Israel; es ist eine Anklage, das sechshunderttansend Mann nichts unternommen haben, um ans eigener Kraft die Fessel zu brechen. Es ist wahr, es war nicht ihre Schuld, daß sie so entnervt und entkräftet waren, und die Freiheit nur als ein Geschenk annehmen konnten, es war dies die entsetzliche Folge jener Despotenweisheit, die es herausgeklügelt hat, daß die Menschen um so sicherer gehorchen, je härter sie gedrückt werden, je inehr die Kraft ihres Willens geschwächt ist. Aber wie gerechtfertigt immer diese Erklärung sein mag, es ist kein schönes Bild, wenn einer mit verschränkten Armen seiner Befreiung gleichsam zusieht, ohne selbst an seinen Ketten zu rütteln und zu reißen. Unsere Alten sagen: Jsak habe seinen Söhnen, dem Jakob und derii Esau, einem jeden ein treffliches Erbe gegeben, aber beide haben dieses Erbe bis zum Uebermaß ausgenutzt; denn so heißt es in der Schrift: Jsak sprach: die Stimme ist die Stimme Jakobs, die Hände aber sind die Hände Esau's. Jakobs sromnies Gemüth, das wenn es in Noth und Trübsal war, sich gläubig und vertrauend zu dem Herrn in den Höhen wandte, das war seine Stärke und sie blieb auch seinen Nachkommen; Esau jedoch besaß den starken Arm, den Muth, den Uebermuth, der vor keiner