Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 11 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 76)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Aber seltsam; auch der Weise fragt ähnlich wie der Bösewicht.- Was sind das für Satzungen, Rechte und Gesetze, die Gatt Euch befohlen hat? Hier jedoch hat dieses Euch einen ganz anderen Sinn; all die Satzungen sind ihm heilig, er übt sie auf's Sorgfältigste, aber er hält die Hebung für keine vollkommene, denn er kennt nicht ihren tieferen Grund. Die Bescheidenheit gebietet ihm, sich auszuschließen von der frommen Gemeinschaft, weil er manchen Brauch wohl mit Hand und Herz, aber nicht mit klarem Urtheil übt; und er will wissen: ״ מר העדות החוקים והמשפטיםwcrs sind das für Zeugnisse, Satzungen und Rechte?" Zeugnisse (עדות) sind die Symbole unserer Religion, Satzungen (חוקים) sind die Bestimmungen, bei denen die Forschung ermüdet, deren Sinn sich nur schwer erschließt, משפטים sind die Rechtsvorschriften, die Jedermann klar sind; aber der Weise hat bei allen dreien Fragen. Die Symbole, nun ja, er kennt ihre Deutung, aber er weiß, daß sie den Werken großer Künstler gleichen; je länger, je sorgsamer man sie betrachtet, desto mehr offenbaren sie von ihrer Schönheit, und die schwer verständliche Satzung, der Weise giebt sich nicht mit den: Berichte zufrieden, daß die bisherige Forschung ohne Ergebnis; geblieben ist; sein glühender Wissens- und Wahrheitstrieb führt ihn zu den steilen Abhängen, wo nur ein scharfes Auge und ein fester Fuß vor dem Sturze schützt. Ihn lockt das Räthsel, während es den Bequemen und Geistesträgen scheucht; aber der Weise fragt auch bei den משפ1טים, den klaren Rechtsvorschriften; was dem Laien einfach scheint, ist dem Denker ein Problem und was dem Laien wunderbar dünkt, ist dein Kundigen ein natürlicher und leicht erklärter Vorgang. Er hat tausend Fragen gleich dem Bösen, aber nicht Trägheit und Unlust, sondern die Weisheit hat ihm diese Fragen diktirt. Und dieser ״fragende Weise" ist auch der wirklich Fromme. Rührend ist der Eifer für das Fest, der ja . auch unter uns noch nicht ganz erloschen ist; jener Eifer, dem der Bräuche nicht zu viel, sondern fast noch zu wenig