Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 11 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Mensch schon zn fügen, er rafft sich wieder auf, aber die kleinen Widerwärtigkeiten und Leiden des Lebens, welche wie Regentropfen von der Dachtraufe stetig auf die Freude am Leben fallen, sie höhlen unfern Geist und unser Herz aus, sie sind die ärgsten Freunde des Frohsinns. Häuslichen Kummer, Kränkung im Schooße der eigenen Familie, das sind die stillen Nager am Herzen des Sterblichen, das sind feine Nadelspitzen, deren kleine Wunden dem Auge der Welt entgehen, an deren unaufhörlichen Stichen sich aber so manches Herz verblutet, denn sie treffen den Menschen eben da, wohin er sich sonst aus dem Kampfe der Welt, Frieden suchend, flüchtet, und verwandeln ihm den Hafen der Ruhe selbst zu einem stachlichen Dorngehege. O, so kommt her, Ihr Gramgekränkten alle mit den blutenden Herzen, mit den wund geritzten Gemüthern, wenn alle Welt Euch auch verlacht, wenn auch kein Mensch Euren Herzenskummer begreift, wenn selbst Euere treuesten Freunde Euren Schmerz nicht verstehen und wie Elkana zur Hanna sprechen: ״Warum weinest Du? Warum ißt Du nichts? Warum ist Dein Herz betrübt?" Wenn Ihr auch keinen Menschen auf Erden habt, vor dem Ihr Euer tiefen Jammer auszuweinen vermöchtet — tretet her nnd lernet heute von der schwergekränkten Hanna, zu Gott Euch mit Eurem Schmerzen flüchten, lernet von ihr zu Gott Euch betend emporweinen, und am Roschhaschana Erhörung durch's Gebet erringen. Aber noch etwas sollen wir von Hanna lernen: Als Gott ihren Herzenswunsch erfüllt hatte, da verabsäumte sie nicht, wieder mit Dank gebet vor ihm zu erscheinen. In der Noth ״wenn das Wasser bis an den Hals geht", da beten Viele, rufen zu Gott, und zeigen sich wohlthätig, aber ist die Gefahr vorüber, hat Gott geholfen, dann lebt man im Glücke weiter fort — ohne Gott. O Ihr Undankbaren, lernt von Hanna, nie vergessen, wem Ihr Euch und das Eurige verdankt, und suchet, wie sie, durch nachträgliche gottgefällige Verwendung des Gewährten die Gewährung erst verdienen. So lehrt der erste Neujahrstag uns durch die drei