Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 11 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9616701-9618237-9618238--2215-9618248- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 Körperliche nicht sehen dürfen? Darf der Blinde, oder besser der Kurzsichtige, der sein geschwächtes Auge mit dem künstlichen Glase unterstützen muß, die gesunde Sehkraft bei Anderen in Abrede stellen? Etwas, was wir aus mangelnder Erkenntniß nicht zu begreifen vermögen, haben wir noch kein Recht für unmöglich zu halten! Oder begreifst Du denn, wie der menschliche Geist denkt, und er denkt doch? Begreift Du die Schöpfung des Weltalls, sie ist aber doch da in Pracht uttd Herrlichkeit? Begreifst Du das in Dir rvirkende Spiel der Seelenkräfte, und sie wirken doch täglich, stüttdlich, beständig? und Du willst, weil Du Gottes Allwissenheit nicht begreifst, sie wegleugnen? Solchen Irrthum widerlegt schon der Psalmist (Kap.94, 7—9) mit den eindringlichen Worten: ״Sie sprechen, der Ewige sieht nicht, der Gott Jaeobs merkt es nicht. Er, der das Ohr pflanzte, sollte nicht hören, der das Auge gebildet, nicht sehen?" Nein! ewig wahr bleibt das Wort des Weisen: ״Alles wird geschaut! Alles ist vorhergesehen!" II. ״Alles tst vorhergesehen!" Aber wie? fragen Biele, wenn Gott Alles vorher weiß, ist dadurch des Menschen freie Wahl nicht aufgehoben? Muß er denn dann nicht so handeln, wie Gott es weiß. Wenn ich heute eine Sünde begehett will, lnuß es Gott nicht gestern schon gewußt haben, wie katin ich denn aber dann noch die freie Wahl haben, die Sünde zu unterlassen? Unterließe ich sie, so Hütte Gott sa nicht richtig vorausgesehen — da aber Gottes Wissen nicht unwahr sein darf, folglich muß diese Sünde heute begangen werden, und ich, der sie beging, hatte nicht die freie Wahl, sondern mußte sie üben; also entweder ist Gott nicht voraussehend, oder ich bin nicht frei. Diese Frage, m. A., scheint verfänglicher Natur, entbehrt aber ebenfalls des stichhaltigen Grundes, weil sie ebenfalls den Grad und das Wesen und den Umfang unseres Wissens zur Voraussetzung nimmt. Wir können nur sagen,