Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 11 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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5 nicht blos die Völkergeschicke, sondern jedes Menschen Thun. Alles wird geschaut — das Einzelne wie das Ganze, das Kleinste wie das Größte. — Wie könnte auch Gott ein gerechter Richter sein, wenn er nicht jede Handlung und jede Absicht des Menschen kennte? ״Wie groß auch im Rathschluß und unermeßlich dein Walten, dein Auge ist stets geöffnet aus alle Wege der Menschenkinder, um einem Jedem zu geben nach seinem Wandel und nach seinem Verdienst." (Jeremias 32, 19.) So einleuchtend und unumstößlich diese Wahrheit von der Allwissenheit Gottes ist, so gab es doch und giebt es immer noch Leute, die sie in Zweifel ziehen, wo möglich ganz wegleugnen möchten. Der Sünder, dem es unbequem war, alle seine lasterhaften Handlungen vor Gott stets beobachtet zu wissen, beschwichtigte sein unruhiges,-ihn folterndes Gewissen mit allerhand Scheingründen, und beschönigte seinen Abfall mit allerhand geistreich klingenden Behauptungen. Bald sagte man: Gott könne kein Wissen haben von dem Verlaufe des sinnlichen Lebens, weil das Sinnliche nur vom Sinne wahrgenommen wird, der Sinn jedoch am Körper hafte, Gott aber körperlos sei! — Oder man warf ein: Der menschliche Geist werde durch das. was er erfährt, reicher an Kenntniß, als er vorher gewesen, er vermehre sein Wissen, Gott aber sei ja ein vollkommenes, unwandelbares Wesen, sollte sein Wissen auch durch die Kenntnißnahme der menschlichen Thaten vermehrt werden, also zunehmen können? Alle diese sophistischen Scheingründe leiden an einem Fehler, sie gehen sämmtlich von einer falschen Voraussetzung aus, sie bemessen nämlich Gottes unendliches Wissen mit den! Maßstabe des menschlichen, d. h. endlichen Wissens; weil der Mensch gar keinen anderen Maßstab hat. Freilich nimmt der Mensch das Sinnliche nur inittelst der Sinne wahr, durch Ver- Mittelung des Körpers, aber gehört dadurch ein übersinnliches Wahrnehmen, ein rein geistiges Schauen in das Gebiet der Unmöglichkeiten. Muß denn deshalb, weil der körperliche Sinn den Geist nicht zu schauen vermag, auch der Geist das