Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 158)
- Language
- German
- Belongs to
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67 den Becher des Heils, ruf ich Gott an — trifft mich Noth und Leid, so ruf ich Gott an!" Ihr weiches und gefühlvolles Herz erschloß sich auch leicht und gern der Stimme des Mitleids, wo sie konnte, übte sie Wohlthätigkeit im Verborgenen, manche Thräne des Kummers ward im Stillen von ihr getrocknet und mit Gewissenhaftigkeit stand sie dem Ehrenamte vor, das sie in dem ״Wohlthätigkeitsvereine der Frauen" eine Reihe von Jahren bis an ihr seliges Ende bekleidete. Darum folgt ihr auch heute die Liebe und die Achtung aller derer, die sie kannten, in das Grab nach: ״Gebt ihr von ihrer Hände Frucht, es lobdn sie in den Thoren ihre Werke." Wohl muß die Aufzählung der zahlreichen Tugenden der Verblichenen Eueren Schmerz, Ihr trauernd Zurückgebliebenen, nur steigern, allein es liegt darin zugleich die Rechtfertigung Eures Schmerzes! Wir begreifen, Ihr nunmehr auch Mutterlosen, Eueren Schmerz und Euere Trauer um solchen Verlust; es ist der theuerste Platz in Euerem Herzen, in Euerem Hause leer geworden, wenn Ihr zurückkehren werdet in die Räume, in denen sie gewaltet, da wird eine entsetzliche Leere Euch entgegenstarren, ״da wird der Stein von der Wand, der Splitter des Balkens Euch zurufen: ״ פנה זיוה, פנה הודה, פגה הדרהGeschwunden ist der Glanz, der Schmuck, die Herrlichkeit des Hauses!" und dann wird erst das Gefühl der Vereinsamung und des Alleinseins Euch überkommen. Und wenn nun gar erst die schmerzliche Trauerkunde hinüberdringen wird bis jenseits des Oceans zu ihren heißgeliebten und nach ihr sich sehnenden Kindern, für die ganz besonders warm und liebevoll ihr Mutterherz schlug, für deren Wohlergehen und glückliche Heimkehr sie so inbrünstige Gebete emporsandte zu dem Vater der Waisen, — wenn diese ihre Kinder, deren ganzes Mühen und Streben darauf gerichtet war, der Mutter ein sorgenloses Alter, einen heiteren Lebensabend zu bereiten, deren höchste Freude in dem Gedanken lag, dereinst heimzukehren in die beglückenden Arme der Mutter, sich zu werfen an ihr hoch-