Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 151)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Charakters war die Scheu vor Ostentation. Ich brauche nicht erst zu sagen, daß sie bei ihrem Erscheineil in der Oefsentlichkeit jenen aufsehenerregenden Glanz vermied, ben zu entfalten sie doch die Mittel besaß. Nein, Einfachheit, die größte Eillfachheit war ihr unverbrüchliches Gesetz. Aber selbst ihrem Geiste, so scharf und glänzend er war, genährt au den Meisterwerken dreier Literaturen, verfeinert und vercdelt durch fortgesetzte Selbstbildung — selbst ihrem Geiste legte sie Zügel an, als erfordere die weibliche Keuschheit, selbst die Reize des Geistes zu verhüllen. Aber gerade diese Keuschheit, diese Schüchternheit und Zurückhaltung gewannen ihr die Herzell Aller, die mit ihr iil Berührung kanien. Und so ward ihr Haus, lvie voll selber, zum Sammelpunkt der besteil und glänzendsten Gesellschaft, der glänzeildsten, insofern es die beste war. Denil lvie bei sich selber, so wollte und schätzte sie auch bei Anderen nicht die glänzende Außenseite, sondern den gediegenen Inhalt. In diesem Zirkel ausgezeichneter Männer und Frauen war sie die Sonne, nicht die strahlende, die sie nicht sein wollte, sondern die erwärmende, und wie der Dichter sagt ״Tages Arbeit, Abend Z Gäste," so hatte sie ben rechte!, Schatz gefunden, so floß ihr Leben in der edelsten Weise dahin. Tages über lebte sie strenger geistiger Arbeit, um Abends im Kreise gleichgestimmter Freunde und Freundinnen erneute Anregung sotvohl zu geben, wie zu empfangen. Bei allen diesen Freunden und Freundinnen hinterläßt sie ein treue, verehrungsvolle Erinnerung, aber sie hinterläßt bei ihnen noch mehr — die Empfindung einer Lücke. Daß einer solchen gemüthvollen Frau die Neigung wohlzuthun nicht frenid war, brauche ich das erst zu sagen? Aber daß will ich aussprechen, daß sie auch bei Ausübung der Wohlthätigkeit nicht oberflächlich verfuhr, nach äugenblicklicher Eingebung und Laune, sondern, wie es ihren! Geiste ziemte, mit Bedacht und Ueberlegung, daß sie die Bitte um Unterstützung prüfte, das sie aber reiche Unterstützung spenbete, wo sie wußte, daß sie am Platze sei, und daß sie natürlich