Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 150)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9616701-9618061-9618062--2180-9618209- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
59 Reste dieser unseren Glaubensschwester umschließt. Voll Hofsnung war sie vor wenigen Monden nach dem Süden gezogen, voll froher Erwartung, dort Genesung zu finden, und jetzt wenn der Tod noch Sprache hätte, dann würde sie sagen: ״Leer führte Gott mich heim". Aber was sie nicht mehr sagen kann, das sagt oder empfindet doch in bitterem Schmerze der schwergeprüfte Gatte. Die er genesen und gestärkt aus dem milderen Klima heimzuführen gedachte, um ihres beglückenden Besitzes desto ungetrübter sich zu freuen, — er muß sic jetzt in eine andere Heimath einführen, und an Stelle der frohen Aussicht, was sie ihm in Zukunft noch sein würde, bleibt ihm nur die Erinnerung, was sie ihin gewesen ist. Und was ist sie ihm gewesen? Was muß die ihrem Gatten gewesen sein, die so vielen und ausgezeichneten Menschen so theuer war! In der That, nicht bloß wegen des erwähnten Ansspruches erinnert sie an Noomi, jenes Urbild echter Weiblichkeit, sondern durch ihre ganze Persönlichkeit, die ein treues Abbild jenes Urbildes war. Hervorgegangen aus einer Familie, in welcher drei Generationen durch ebensoviel edle Frauen geschmückt sind, — durch die Großmutter, die Mutter und des Vaters Schwester — überkam sie gleichsam schon als Erbe jenes herrliche Gut, dessen Pflege ihre Lebensaufgabe war, -- die echte Frauenwürde. Aber es war dies nicht das einzige Erbe, das ihr zugefallen war. Gott hatte sie auch reichlich ausgestattet mit jenen Gütern, die wir die vergänglichen nennen, als wollte er sie prüfen, auf welches Erbe sie nun den größeren Werth legen, welchem sie die größere Sorgfalt zuwenden würde. Sie wissen, wie sie aus dieser Prüfung hervorgegangen ist. Sie wollte nicht durch das gelten, was nicht zu ihrem Selbst gehörte, was sie dem Zufälle dankte, — sie wollte durch ihre Persönlichkeit gelten, durch das, was sie sich verdankte. Ja und auch das wollte sie nicht einmal. Ihr lag jede Absichtlichkeit fern. Ein hervorragender Zug ihres