Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 140)
- Language
- German
- Belongs to
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49 Tugenden, welche er im Verkehre mit der Welt, welche er in seinem Berufe übte, wirkten noch mächtiger in seinem Hause; was war es für ein Heldenthum, als er, zum Tode erkrankt, es nicht duldete, daß die Hochzeitsfeier der Tochter einen Aufschub erlitt; wie zeigte er da die Entsagung, die sich opfert zum Heil der Seinen; und ihm war der Lohn, daß er diesen Tag noch erleben durfte; das war der letzte Lichtstrahl, der in sein Leben fiel. Ja, er war treu allerwegen; auch der engere Kreis der jüdischen Gemeinde verliert an ihm ein Mitglied, in dem Aufklärung und Religiosität verschwistert gewesen; sein Haus war mvdern von deutscher Kunst und Bildung beseelt, und wiederum streng jüdisch. Solch ein Leben, wo alle guten Geister der Religion, der Liebe zur Familie, zum Vaterlande, wo die Genien der ernsten Wissenschaft und der heitern Kirnst so voll und hell hinemleuchteten, war ein glückliches, wenn es auch früh zur Rüste ging. Der gemeine Weltverstand fragt: was hat er nun von all der Müh gehabt; jetzt, da ihm das Leben bequem wurde, muß er scheiden. Der Entschlafene kannte das Wort des Ivb : ״Sieh ein Kriegszug ist dein Menschen auf der Erde"; das Leben ist zuvörderst eine Aufgabe: wer sie erfüllt hat, den dürfen wir glücklich preisen. Uns freilich fehlt der treue Freund; den Leidenden, die ihm vertranten, fehlt sein freundlicher Zuspruch. ,,Honigseim sind Worte der Liebe süß für die Seele und Heilung für den Leib" (Lpr. Sal. l ll, 24) und zuinal Ihnen, g. Leidtr., fehlt der Gatte, der Vater, der Bruder; aber sie hatten ihn lange genug, uin sich nach seinem Beispiel zu richten, um an ihm sich aufrichten, und zunral dem Sohne, der den Beruf des Vaters wie ein Erbe übernimmt, wird sein Bild vor der Seele stehen, daß er es ihm gleich thue an Pflichttreue, an Liebe zu dem Leidenden, an Liebe zum Staate und seinem Fürsten. Möge Gott sie trösten, und er allen denen lohnen, die in den letzten schweren Monden den Entschlafenen gepflegt haben. Laß, Herr, alle Roth wenden und alle Trauer enden, gieb den Lebenden und dem Dahingeschiedenen deinen Frieden! A m e n! Grabprediglen. 4