Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 41 (sequence 132)
- Language
- German
- Belongs to
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41 gehörte, die nur nach dem Neuen fassen und cs vergaßen, daß zur Frömmigkeit ein gut Theil Pietät gegen alte Sitte gehört, so hastete dennoch sein religiöses Fühlen nicht an leeren Formen, und wo diese alten Formen dem berechtigten Gefühle der Gegenwart widerstrebten, da hat er an seinem Platze mitgeholfen, daß sie mit aller Zartheit und Schonung beseitigt wurden. Zu dieser Klarheit der Anschauung hat er sich durch eigene Kraft durchgerungen, wie er denn überhaupt feine Erfolge, sein Wissen und seine öffentliche Stellung einzig sich selbst zu verdauten hat. Wer ihm lauschte, wie süßer denn Honigseim ihm die liebliche Nede von den Lippen floß, wer in seinen Briefen die Gewandtheit und den Glanz seiner Sprache bewunderte, wer die Klarheit und den Scharfsinn wahrnahm, mit denen er in verwickelten Rechtsfragen sich zurecht fand, der konnte sich kaum deuten, daß dieser Mann nie eine deutsche Schule besucht hat und daß er als ganz junger Knabe in das praktische Leben gestellt wurde. Er stammte aus einem Adelsgeschlechte des Geistes und sein Wissensdrang führte ihn auf beschwerlichem Pfade zu einem höheren Ziele als das, welches andere auf dem bequemen Wege der Schule erreichen. Und Gott war mit ihm und sein Leben war reich an Erfolg und an Ehren; die Stadtgemeinde, in der er den größten Theil seines Lebens verbracht hat, gewährte ihm die höchsten Ehren, welche sie einem wegen seiner Bürgertugenden ausgezeichneten Manne zu geben vermag, und als er am Abend seines Lebens nach einer an intelligenten Männern überreichen Stadt kam, da wurde sein Talent und sein Charakter sofort herausgefunden und die wichtigsten Bertrauensposten dem kaum Ansässiggewordenen übertragen. In allen diesen Aemtern hat er sich so glänzend bewährt, daß in seinen Freunden wohl mit Recht das Bedauern aufstieg: wie schade, daß dieser Mann nicht schon in seiner Jugend in Kreise kam, wo seinem Talent und seiner Arbeitskraft sich das große ihm gemäße Arbeitsfeld geboten hätte. Und zu diesen Ehren des öffentlichen Lebens schenkte