Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
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m kannten, so loht auch die Begeisterung für alles Edle und Gute ungleich stärker in zwei Menschenherzen, welche die Liebe verbindet zu einem Wesen. Was wäre die eine Bundestatet, so sie nicht von der andern ergänzt und vervollständigt würde? Sie gliche einer zertrümmerleu Bildsäule, deren einstige Schönheit wir ahnen, aber nicht empfinden, während sie beide zu einander gestellt als das Urbild aller Wahrheit, als der Lichtkern uns entgegentreten, von dem alle Geistesstrahlen ausgehen. Unb was wäre des Mannes Kraft ohne des Weibes Zartheit, was der Muth des Mannes ohne die Milde der Frau? Wie vom Schlummer gefangen blieben die edelsten Kräfte, wenn die gegenseitige Liebe sie nicht weckte und spornte; das Ringen nach der Gunst der Geliebten hat von jeher die Edelsten zu den schwersten Thaten begeistert. Der Dichtung reinste Blüthen sind zartem Gemüthe entsprossen, weil die Sonne der Liebe sie zun! Lichte hinauszog aus den Tiefen der Seele. Heil dem Herzen, das an sich elbst erfahren, wie die Liebe jeden Trieb veredelt, jede Kraft erhöht, wie sie uns klärt und läutert von der Selbstsucht niedrigen Schlacken; ihnr ist, als hätte er Gottes Engel geschaut, und jene himmlische Erscheinung geleitet ihn durchs ganze Leben, und selbst durch mächtige Wolken dringt ihr mildes Licht; er kann nimmer verzweifeln und untergehen. Nur in dem Bereut, den die Liebe gründet und der Glaube weiht, offenbart der Mensch seines Geistes Kraft, seines Herzens Größe; alle Tugend, alle Tüchtigkeit kann sich nur entfalten in dem Hause, über welches die Genien der Gattenliebe ihre schirmenden Fittige halten. Drastisch und mit scharfem Witze sagen darum die Alten: ״Wer ohne Weib lebt, sei gar kein Mensch, denn so heißt es: Mann und Weib erschuf er sie, da erst nannte er ihre Namen ״Adam", Mensch; kein gutes Werk, keine Freude und kein Segen, kein Wissen und kein Schutz, kein Friede selbst kann in dem Hause weilen, dem die Herrin fehlt. ״Zwei Tafeln und eine Wahrheit, das ist die Thora; zwei Gemüther und ein Wesen, ein Fühlen und Empfinden, das ist die Ehe."