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Israelitisches Predigt-Magazin · 1892-01-01 · 1892 · p. Seite 35

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
9 (1892)
Issue
1892
Date
1892-01-01
Page
Seite 35 (sequence 159)
Language
German
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— 35 dieser Strom nicht auch sie umspült und Manches hinweggeschwemmt, das den Vorfahren heilig war? Der deschränkten Anschauung früherer Zeilen galt schon einer, der einen kurzen Rock trug, für abtrünnig; unsere Orthodoxen von heute kleiden sich ohne Gewissensscrupel nach dem neuesten Schnitt; höhere Schulen zu besuchen, dort fremde Sprachen zu lernen, galt in der Vorzeit sür sündhaft; von solcher finstern bildungsseindlichen Bigotterie sind G. s. D. heute auch unsere Strengsten frei und bringen so, ob sie auch sich sträuben, dem neuen Geiste ihr Opfer. Wie das Meer hier an der Küste Stücke abreißt und Städte in seine unmittelbare Nähe bringt, die ursprünglich abseits des Meeres standen, und wie an anderer Stelle wieder das Meer die Küste vergrößert und neue Sandmassen anschwemmt, sodaß Städte, die vor Zeiten hart am User standen, jetzt in der Mitte des Landes stehen, ganz so reißt auch der Strom der Zeit am Gefilde der Religion hier Stücke ab und setzt dort neue an, daß es nie sich gleich bleibt. Aber ein allbekannter Satz aus der heiligen Schrift scheint nicht ganz im Einklang mit den Betrachtungen zu stehen, denen wir eben hier Ausdruck gegeben haben. Moses spricht zu seinem Volke kurz vor seinem Tode in jenem herzigen Tone, der die Herzen öffnet und bis zu ihrem Grunde dringt, in dem Tone des Vaters, der um sein Volk sorgt und der es voraussieht, daß alle Ermahnungen, so sehr sie im Augenblick die Gcmüthcr erregen, nicht auf die Dauer den Rückfall in Sünde und damit Unheil und Elend abhakten werden. Da heißt cs nun einmal: ״Jedes Wort, das ich Euch bejchle, das sollt Ihr beobachten zu halten, daran sollt Ihr nichts mehren, daran sollt Ihr nichts mindern."*) Unsere Alten erklären diesen Satz wie folgt: Jedes Wort, das ich Euch befehle: ״Ein leichtes Gebot soll Dir so theuer sein, als das schwere." Du sollst an Gottes Wort nicht mäkeln, nicht die Gebote scheiden nach wichtigen und minder- *) לא תוסיפו כל הדבר אשר אנכי מצוד. אחכם ולא תד־כו ממנו. *3

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