Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 1892
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 128)
- Language
- German
- Belongs to
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4 gelü ste und die Selb sucht. Meine Andächtigen! In vielen Stücken sind wir weit über das Alterthum hinausgekommen, es giebt aber Dinge, die wir von ihm lernen können, und das ist Var Allem der kräftig entwickelte Sinn für die Gesa mint heit, für das Ganze. Wir würden den übrigen alten Völkern Unrecht thun, wallten wir dabei nur an die jüdische Gesammtheit denken. Dieser Sinn war bei einigen von ihnen noch stärker vertreten, vertreten bis zur Uebertreibung, bis zu dem Fehler, daß der einzelne Mensch fast nur als Mittel fürs Ganze angesehen wurde. Vor dieser erdrückenden Bedeutung des Ganzen schützte in Israel das Gewicht, daß man aus ״ נפש אחת מישראלaus jede einzelne Seele" legte, die geschmückt war mit dem Zeichen der Gotteskindschast. Aber von diesem Fürsichalleinstehen. von dieser Unbekümmertheit um das Ganze, von diesem selbstsüchtigen Nebcnhergehen neben dem großen Ganzen, wie es heutzutage gar Vielen eignet, hatte man in alter Zeit keine Vorstellung. Seht Euch unsere Gebete an! Betet da ein Israelit für sich? Drückt er sich jemals aus: Herr mache mich verständig, Herr, vergieb mir meine Schuld, heile mich, segne mich? Sagt er nicht durchweg, begnadige u ns, verzeihe uns, heile uns? Aus diesem großen Geiste heraus sind unsere Gebete geschrieben, aus diesem Geiste, der nicht blos sich bedenkt, sondern auch Andere. Mit welcher Inbrunst entfloß den unschuldigsten Lippen ein Bekenntnis von Sünden, die sie nie begangen, blos in dem großherzigen Sinne, daß sie doch in der Mehrzahl redeten und sie sich eins und verantwortlich fühlten für einander. M. A.! Ans einer solchen Gesinnung erwachsen die segensreichen Leistungen für die Gesammtheit, die segensreichen Leistungen für die einzelnen Gemeinden, das segensreiche Verhalten gegen den einzelnen Menschen. In einer Gesammtheit wie die israelitische eine ist, da giebt es viele Bedürfnisse, viele Gesinnungen, viele Richtungen, viele Bestrebungen, in einer solchen Gesammtheit da kommen Erscheinungen vor, die uns anziehen und die uns ab stoßen.