Mannheim
Compact Memory

Israelitisches Predigt-Magazin · 1892-01-01 · 1892 · p. Seite 50

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
9 (1892)
Issue
1892
Date
1892-01-01
Page
Seite 50 (sequence 110)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9616701-9617889-9617890--1953-9617996
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

50 Tag zu Tag, ja von Augenblick zu Augenblick fortgeführt werden, für unser eigenes Auge doch erst nach langen Zwischenräumen und auch daun nicht bestimmt hervor, so daß wir den zeitlichen Abstand und die Eigenthümlichkeiten der Veränderungen genau zu bezeichnen wüßten. Und fast eben so verläuft die geschichtliche Entwickelung der großen Menschheit. Es sind uns heutzutage. Dank der unaufhörlichen Arbeit des Menschengeistes gewisse Wahrheiten so einleuchtend und geläufig geworden, daß sie uns ewige und natürliche Begleiterinnen des menschlichen Geschlechtes zu sein scheinen, während es doch für den Forscher unumstößlich fest steht, daß es Zeiten gegeben hat, denen nicht einmal eine Ahnung dieser uns wie angeboren erscheinenden Wahrheiten aufgegangen war. Eine solche Wahrheit, in. A., ist die von der sittlichen Einwirkung Gottes aus die Menschen, oder, um uns bestimmter auszudrücken, von der göttlichen Erziehung des menschlichen Geschlechtes. Es hat in der That eine lange Bergangenheit gegeben, eine Bergangenheit, reich an Weltweisen, Dichtern und Künstlern, der trotz ihrer erstaunlichen Begabung dieser erhabene Gedanke völlig fremd war, eine Bergangenheit, die das göttliche Wesen in den Himmel bannte, und eine Berücksichtigung dieser Menschenwelt mit seiner mißverstandenen Erhabenheit für unverträglich hielt, eine Vergangenheit, die den Vollkommensten für allzu neidisch hielt, als daß er sich den Unvollkommenen mitzutheilen vermöchte, eine Vergangenheit, die ihr Bekenntniß in den Worten aussprach (Jjob22,14): ״Die Wolken hüllen ihn ein und er siehet nicht, und im Himmelskreise wandelt er". Wenn nun dieser unwürdige und unserer Zeit kaum möglich erscheinende Gedanke im Lause der Jahrhunderte einer würdigeren Anschauung von Gott und seinem Verhältniß zu dem wenschlichen Geschlechte Platz gemacht hat, so ist es die Pflicht der Forschung, zu bekunden, daß dieser Umschlag der Geistesrichtung nicht ein Werk des Zufalls, sondern die Wirkung eines geschichtlichen Vorganges ist, und diese Pflicht wird für die Israeliten zu einer um so angenehmern, als dieser

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.