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Israelitisches Predigt-Magazin · 1892-01-01 · 1892 · p. Seite 31

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
9 (1892)
Issue
1892
Date
1892-01-01
Page
Seite 31 (sequence 91)
Language
German
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31 strömt es wie ein heiliges Feuer ihre Herzen und verzehrt alle eitlen Gedanken und läßt mit seiner Wärme anfblühen jeden guten Plan, jede fromme Regung. So zeigt uns schon diese Feier, welche die Weihe des Festes für die ganze Gemeinde noch vermehrt, erhöht, dasselbe Gotteswort mannigfaltig auf uns wirkt; in dem Hochgefühl dieser Stunde verstehen die jungen Seelen den ganzen Inhalt des ihnen längst bekannten Schrift- Wortes: ״Du sollst lieben beit Ewigen deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deiner ganzen Kraft", während ihnen sonst vielleicht dieser Satz nicht vielmehr als ein leerer Schall gewesen ist. Aber dieser Satz des Sängers: ״Gott hat ein Wort gegeben, die Botinnen sind ein großes Heer", kann noch tiefer und allgemeiner gefaßt werden. Unsere Alten sagen: die Tora kann in neunnndvierzig verschiedenen Weisen erklärt werden. Wie ist das zu verstehen? Kann denn nicht nur eine Erklärung die richtige sein? O nein, die religiöse Wahrheit ist nicht wie ein Rechenexempel, für das es nur eine Lösung giebt; sondern jeder erklärt sie sich je nach seinem persönlichen Bedürfniß, je nach seiner persönlichen Fassungskraft, je nach dem Zeitalter, in dem er lebt, dem Bildungsgrad, den er sich erworben hat; so er nur der Pflicht sich beivußt ist, Stellung zu gewinnen zu diesen höchsten Lebensfragen, so er die Religion nicht verleugnet, haben wir kein Riecht seinem Geiste gleichsam den Weg vorzuschreiben. Freilich kommt es vor, daß sogar mancher Einsichtige behauptet, man könne ganz ohne Religion durchs Leben schreiten, man könne ein sittlicher Mensch sein ohne darum ein religiöser zu sein; sie kümmern sich nicht um das Wort, das Gott gegeben. Giebt es nun wirklich eine Sittlichkeit ohne Religion? Schauen wir den Thatsachen in's Gesicht: unleugbar giebt es tugendhafte Menschen, die zur Religion keine Beziehung haben. Dennoch behaupten wir, die Religion sei eine unentbehrliche Vorbedingung aller Tugend.

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