Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 1892
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 90)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Sich diese Wirkung zu zergliedern, sich sie zum Bewußtsein zu bringen, sich vielleicht gar über den Künstler zu erheben, zu begreifen, wo ihn seine Kunst im Stiche gelassen habe, dies Alles liege gänzlich außerhalb des Bereiches seiner Kraft. Es kann Vorkommen, daß Jemand einen großen Redner Hort und begeistert davonschreitet, und doch, wenn er Rechenschüft ablegen soll, was denn der Redner vorgetragen, so bekennt er, daß er ihn garnicht verstanden habe. War nun die Begeisterung erlogen und erheuchelt? Es ist wenigstens nicht unbedingt nöthig dies anznnehmen, sondern der Zuhörer ist nicht über ein unbestimmtes Gefühl, über ein dunkles Ahnen hinausgekommen; oder es bewundert einer ein Bild, und weiß nicht, was es vorstellt und hat sich überhaupt keine Vorstellung gemacht; er ist nicht entwickelt genug, um die Schönheit im Einzelnen durchznkosten, aber er ist׳ nicht so stumpf, um ganz unberührt von ihr zu bleiben. Welcher )vcite Weg ist noch von diesen Anfangsgründen des Verständnisses bis zu jenen Höhen der Einsicht, wo der Schauende dem Schassenden fast noch überlegen ist in dem Urtheil über das fertige Werk. Was vom Kunstwerk gilt, das gilt auch von der Religion. Es ist nicht richtig, daß die religiöse Wahrheit, die am Sinai gelehrt worden ist, darum nun auch die gleiche sei für alle, die sich zu ihr bekennen. Hier har uns schon der heilige Sänger den rechten Weg gewiesen mit dem Spruche: ה״ יתן אמר המבשרות צבא רב .,Gott hat uns ein Wort gegeben, die Botinnen sind ein großes Heer." Bleiben wir bei dem Nächsten. Spricht nicht die Gottheit zu den jungen Seelen derer, die heut begleitet von ihren Lieben in das heilige Haus getreten sind und an gesichts der Gemeinde von den Grundgedanken unserer Religion geredet haben, spricht nicht die Gottheit zu diesen noch inniger, noch herzlicher als zu uns anderen Allen? Es ist dieselbe Tora, es ist dasselbe Hans, in das sie früher vielleicht hin und wieder ohne die rechte Weihe gekommen sind, heute aber durch-