Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 1892
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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28 gleichsam der Hebel, mit dem wir das Gold aus den Tiefen der Seele an's Tageslicht ziehen. Die Schätze blieben ewig in den Tiefen, Keiner erführe etwas von ihrem Dasein, Keinem wären sic nütz. Der Demant, der nicht an's Licht der Sonne kommt, ist nichts Anderes als Kohle. Es mag sein, daß es weiche Herzen giebt, die den Schmerz ihrer Umgebung mit. fühlen, mittragen, die offen und empfänglich für die Eindrücke der Außenwelt mitleiden unter den Schlügen, von denen ihre Nebenmenfchen betroffen werden: sie standen dabei und hätten den Schlag wehren und abwcndcn können, aber als sei keine Verbindung mit dem Nerv, welcher ihr .Herz und dem Nerv, welcher ihre Hand bewegt, ließen sic alles geschehen; vielleicht, daß sic ihr Herzblut dabei verloren, aber was sromintc das dem Leidenden, der weniger Mitleid als Hilfe begehrte. Beklagenwerth sind Leute dieser Art, die wir nicht Menschen, sondern menschliche Ruinen nennen möchten. Wie vom Starrkrampf gefesselt sehen sie und fühlen alle Vorgänge in ihrer Nähe, aber wie entsetzlich es ihnen auch wäre, sie können es nicht ändern, denn Hand und Mund, alle Glieder sind ihnen gebunden. Es sind das gute, treue, biedere Menschen, und wer ihnen ins Herz sieht, der wird sie lieb gewinnen trotz ihrer Schwäche; aber ihnen fehlt doch der Lebensnerv, der Trieb zur That. Auch die Erregung unserer Seele auf dem Friedhof wäre nicht viel mehr als eine leere, nutzlose Wallung des Blutes, wenn sie nicht zu Thaten uns triebe, die unseren Empfindungen entsprechen. Die Lehre, die uns der Friedhof für's Leben giebt, heißt kurz: Wohlthun. Wie oft, wenn wir an Gräbern stehen, beschleicht uns ein brennendes Gefühl der Reue, daß wir denen, an welchen unsere Seele hing, dennoch so manche trübe Stunde, manch ernsten Kummer bereitet haben, und wir müssen bekennen: ich habe dich geliebt mit jeder Faser meines Herzens, und dennoch dir weh gethan, ich Hütte dir getrost mein Leben zum Opfer gebracht, aber wie oft habe ich ineinen Eigensinn dir nicht geopfert, du warst mein Kleinod und ich habe dich dennoch gekränkt, und nun bist du hinübergegangen, und jedes