Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 8 (1890)
- Issue
- 1890
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 114)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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108 liche Kraft zu stärken und zu fördern, so tjiebt es noch viel häufiger eine Naturschwärmerei, die übertreibend und gleichsani verzückt in den Reizen und Wonnen der Natur schwelgt, die es aber nicht merken will, wie diese Großheit und Pracht zuvorderst eine Offenbarung Gottes und seiner weisen Waltung ist, damit wir an ihr uns erbauen und erheben zu edlerm Thun. Wer jetzt in seinem Garten sorgsam jede Blume wartet, und dann hinaus ins Leben geht und hart und rauh ist wider seine Brüder, dem ist die Natur, ob sie auch prangt in ihrem Blüthenkleid, welk und tot, dem ist sie, ob sie auch offen vor ihm liegt und er jede Pflanze mit ihrem Namen nennt, wie ein Buch mit sieben Siegeln, er kann sie nicht lesen und verstehen. Es heißt im Buche Job: ״Gott sendet Thau der Erde und schickt seine Fluthen aus die Flur, um den Gebeugten zur Höhe zu heben, und daß der Düstere erlöst sich ausrichte"; darin zeigt sich echtes Berstündniß der Natur; dieser Denker sieht in ihrem Walten und Weben gleichsam eine Spiegelung menschlicher Geschicke, ihm ist die Natur ein Lehrer und Tröster, er weist uns auf das Feld, wir sehen, wie an einem heißen Tage das Erdreich fast verschmachtet in Dürre, gesenkten Hauptes stehen die Halme, gelb und fahl, ausgedorrt von der Sonnengluth ist Gras und Halm, da sendet der Herr seine Fluthen und plötzlich ist der Boden verwandelt, mit erquickendem Dust empfängt uns die Wiese, hoch zum Himmel wiegen die Halme ihr stolzes Haupt, frisch und grün lacht uns Gras und Blume entgegen und der Schwergebeugte, wenn anders sein Sinn offen ist und er im Buche der Natur zu lesen versteht, er gewinnt daraus Trost und Erhebung, denn diese blühende Flur hebt ״den Gebeugten zur Höhe und richtet aus den Düstern in Heilserwartung". Ueberhaupt, wenn der Dichter des Buches Job, der sich die Ausgabe gestellt hat, die göttliche Gerechtigkeit in der Waltung menschlicher Geschicke auszuzeigen, so oft uns Naturschilderungen spendet, ist es anzunehmen, daß er nur um sein Werk zu schmücken, der Natur ihre Pracht entlehnt und sie in seine Dichtung einwebt? Nein, der echte Dichter ver-