Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 8 (1890)
- Issue
- 1890
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 115)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9616701-9617735-9617736--1805-9617849- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
109 — schmäht den' Schmuck, der seinem Gegenstand nur äußerlich und lose anhängt, der nicht ans ihm herauswächst, wie Blatt und Blüthe aus dein Baume sprießt: aber in diesem Denker, war die Einheit des Natürlichen und Sittlichen so lebendig, daß er in der Natur Erklärung und Lösung der Näthsel sucht, welche in unserer Seele sich erheben: das eigene Dasein ist ihm eingewirkt in die große Gottesschöpfung; aus ihr, dem Born, ans welchem unser Leben fließt, holt er sich Antwort ans die Fragen, welche seinen Geist bewegen. , Diese Einheit von Natur und Sittl ichkeit, sie wird uns auch in der ganzen Reihe der jüdischen Feste recht deutlich verkündet; da ist kein einziges, welches ausschließlich ans geschichtlicher Basis ruhte, aber da ist wiederum kein einziges ausschließlich Naturfest. Es ist wahrlich kein Ungefähr, daß das Passa in den Frühling fällt. Ausdrücklich betont es die Schrift: ״Heute ziehet ihr hinaus im Frühlingsmond", ja sie gebietet sogar: ״Beachte den Frühlingsmonat". Uebersieh' nicht, daß dieses Fest neben der geschichtlichen Erinnerung auch der lebendigen Gegenwart dient, daß es nicht nur dem Wunder gilt, welches vor Jahrtausenden geschehen ist und allerdings noch heute in unserem Bolle fortwirkt, sondern nicht minder dem jedes Jahr sich erneuenden Wunder der aus der Starrheit des Winterschlass erwachenden Gottesschöpsnng. Die Mahnung, sich des Frühlings zu erfreuen, enthält scheinbar etwas Ungehöriges, denn kann die Freude anbefohlen werden? Kann man durch Machtspruch fröhlich werden? Läßt sich Frohsinn anlegen und ablegen, wie ein Festgewand? Nun freilich, dieses Alles ist nicht möglich, aber es ist nicht minder wahr, daß die Freude nur selten angerufen kommt, es ist eine Kurlst, eine schwere zwar, jedoch auch eine ergiebige Kunst: sich zu freuen. Wenn wir dem Blinden ein noch so ergreifendes Gemälde zeigen, ihn wird es nicht rühren, denn er sieht es nicht, aber giebt es nicht eine Blindheit bei offnen Augen, wenn der Geist stumpf ist, wenn er unempsänglich ist für die Eindrücke, welche die reiche Lebensfülle der Erscheinungeil ihin bietet.