Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 8 (1890)
- Issue
- 1890
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 92)
- Language
- German
- Belongs to
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86 darin leben, gar nicht so schwer ertragen werden. Und wie viel der Freude giebt es auf dieser schönen Erde. Um uns vor dieser Einseitigkeit zu wahren, legt unser Glaube in denselben Monat die Feste der Buße und das Fest der Freude. Dieser Monat hat gleichsam ein doppeltes Antlitz, das eine gefurcht von des Ernstes strengen Falten, das andere frisch und blühend, wie die Freude selbst; ist doch dem Herbst selbst diese Doppelnatur zu eigen: bald stimmt er uns zur Wehmuth durch den Anblick der welkenden Landschast, durch die früh hereindämmernden Nächte, und durch die Erwägung, daß die Stürme noch diese letzten Reste einstiger Fülle davon tragen und die Erde dann völlig kahl und leer sein wird; bald wieder ladet er uns zur Fröhlichkeit, da die Scheuer gefüllt ist und der Landmann iiE'Hm sich dem ruhigen Genüsse dessen hingeben kann, was er in Frühling und Sommer in schweren Mühen im Schweiße seines Angesichtes erworben hat. Und nur wenn wir dieser doppelten Mahnung des Herbstes und der Herbstseste folgen, tragen wir aus der Schule des Lebens die rechte Frucht. Sehen wir uns doch von diesem Standpunkte den Feststrauß an, da ist Esrog, die Prächtige Frucht, die das Auge erfreut, und dem Gaumen labt, da ist ein Zweig der Palme, des hochragenden Baumes, da ist die Myrthe, lieblich und duftend und die Weide mit ihren zur Erde geneigten Zweigen, diese vier so verschiedenen Pflanzen zu einem Bunde vereinigt — eilt Bild des Menschendaseins. Wer^würc^so gottverlassen, daß seinem Leben ganz die Tage fehlten dem Esrog vergleichbar, wo er wunschlos wäre wie der Engel einer, wo die Erde ihm in ein Paradies, in einen Garten Gottes gewandelt schien, wo nach dem Wort des Sängers ״Körper und Seele jauchzten dem lebendigen Gotte". Dann gab es feierliche und erbauliche Momente, die uns wie die hohe Palme zum Himmel wiesen und uns zeigten, daß es ein Erhabeneres gebe, als die Erde und ihre Feste. Wieder kamen Zeiten des flüchtigen Vergnügens, der Unterhaltung ohne Nachhalt; eine-müßige Stunde wurde