Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 8 (1890)
- Issue
- 1890
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
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80 wecken ״damit die Lehre des Herrn sei in Herz und Mund damit wir sie üben." (II. Mos. 13,9.) So ist es denn unsere Pflicht, als gläubige Israeliten auch die Geschicke der ganzen Welt als von Gott gelenkte und gewollte zu betrachten, daß wir die Erscheinungen, welche sich in dieser Welt vollziehen, ansehen lernen als Kundgebungen des göttlichen Willens, als Urthcil über unsere Vergangenheit, als Wink sür unsere Zukunft. Da sind es vornehmlich zwei Ereignisse die uns zu tiefem Nachdenken anregen. In unserm Vaterlande klagen wir mit der ganzen Welt über den schweren Verlust der uns getroffen, über den Verlust eines edlen Fürstensohnes*) von dessen Zukunft so große Erwartungen gehegt wurden, die alle mit einem Schlage dahin waren. Als Menschen trauern wir um den Tod eines einzigen Sohnes, auf den die Hoffnungen eines greisen Vaters gesetzt waren, als Menschen klagen wir mit der jugendlichen Gattin, welche die Freuden ihres Lebens so jäh und früh verloren hat, als Menschen trauern wir mit einem einzigen Kinde, dem in so zartem Alter die sichere Leitung der Vaterhand entrissen wurde, als Bürger unseres Staates fühlen wir die Wahrheit dessen, was das Prophet verkündet hat: ״sie werden um ihn trauern wie man trauert um den einzigen Sohne, und bittere Klagen anstimmen, wie man anstimmt um den Erben". (Secharjah 11,10.) Als Israeliten aber fühlen wir bitteres Weh, bitteres Weh deshalb, weil wir erkennen, daß trotz aller äußern Fortschritte, welche die Menschheit gemacht hat, trotz der unleugbaren Verbesserungen in den Bequemlichkeiten des Lebens, trotz der durch immer neuen Erfindungen gesteigerten Behaglichkeit unseres Daseins, trotz der immer fortschreitenden Kunst unser Leben vor Gefahren zu behüten und ans Gefahren zu erretten, daß trotz alldem der innere Werth unseres Lebens sinkt, statt zu steigen. Wir beklagen es, daß trotz der stets steigenden und sich ausbreitenden Geistesbildung ״) Kronprinz Rudolf.