Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 8 (1890)
- Issue
- 1890
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 85)
- Language
- German
- Belongs to
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die Frage: ״wann endlich wirst du dich erbarmen der Reste Israels?" (Secharjah 1,12) und doch ist hier wenigstens nach der negativen Seite auch eine kleine Besserung zu verzeichnen: In dieses Jahr fiel der Tod eines hervorragenden Mannes, desjenigen der mit aufrichtiger, aber doch gefährlicher Schwärmerei, das Unmögliche versuchte, die religiösen Anschauungen früherer Jahrhunderte neben dem geistigen Leben der Gegenwart zu erhalten, oder richtiger wieder zu erw ecken. Dieser Mann*) hat die merkwürdige Lehre ausgesprochen, daß den Geboten Gottes gehorchen, bedeute, äußere Thaten gedankenlos und blindlings zu üben, er hat also die Lehre Gottes herabgesetzt zu einem rein äußerlichen Thun, statt sie als im Leben wirkende Macht zu begreifen. Der Tod dieses Mannes hat eine fühlbare Lücke bei uns hinterlassen. Ein Platz ist durch seinen Abgang leer geworden, der wohl nicht leicht ausgefüllt werden kann und, daß er nicht ausgefüllt werden kann, beweist uns, daß die Macht der israelitischen Lehre, welche in der Offenbarung ihren Quell hat, eine unvergängliche, eine unbesiegbare ist, beweist uns, daß die Wahrheit vorübergehend getrübt und verkannt werden kann, daß sie aber niemals untergehen wird und darf; darum können wir auch von Israels innerer Entwicklung getrost die Worte sprechen: ״Großes hast Du gethan, o Herr!" Von den Vorgängen,in Israel, begeben sich unsere Gedanken in die große Welt, zu sehen, was Gott in ihr gethan hat. In die große Welt! Kopfschüttelnd wird mancher bemerken: das klingt ganz mittelalterlich! Haben wir ja schon verlernt, religiöse Stimmungen anderswo als in religiösen Uebungen zu fühlen, religiöses Leben anderswo als im Gotteshaus, religiöse Gesetze anderswo als in der religiösen Pflicht für berechtigt zu halten. Und doch ist die Lehre Gottes nur für das Leben geschaffen und die gottesdienstliche Ordnung nur ein Mittel das religiöse Leben zu *) Samfott Raphael lfirsch.