Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 8 (1890)
- Issue
- 1890
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Erbarmen (ib. 32), denn nicht ewig verläßt der Herr, sondern wenn er uns betrübt hat, so erbarmt er sich in der Fülle seiner Gnaden." Zwei Thatsachen, die beruhigend auf uns wirken können, hat uns das vergangene Jahr gebracht. Ein wahrhaft deutscher Mann,*) der bereits vor Jahrzehnten tapfer kämpfte für die Freiheit aller Menschen, hat das kräftige Wort gesprochen, daß die Feindschaft gegen Israel eine Gefahr für jedes Bolksthum bilde, und ein angesehenes Blatt, dessen Aussprüche als die Meinung des mächtigsten Mannes in unserer Zeit gelten und welches früher in den Reihen unserer entschiedenen Feinde stand, hat über den letzten Mißerfolg der ihm sonst nahestehenden Freunde die Meinung ausgesprochen, daß dieser Mißerfolg nichts anderes sei, als die nothwendige Antwort, welche das gesunde Denken des deutschen Volkes auf das wüste Treiben unserer Feinde ertheilt hat. Noch einmal laßt uns in die Worte einstimmen, welche der Gottesmann angesichts der rauchenden Trümmer der heiligen Stadt gesprochen hat (Klaget. 3,21): ״Das will ich mir zu Herzen nehmen, und darum vertraue ich, die Gnade des Herrn ist unendlich, nie hört auf sein Erbarmen." So dürfen auch wir, andächtige Gemeinde, wenn wir über die Lage Israels Nachdenken, dankend unsere Hände zu dem Lenker der Geschicke emporheben und sprechen: Großes hast Du gethan, o Herr, Deine Wunder und Deine Gedanken über uns, nichts kommt Dir gleich." Auf die Lage im Innern Israels unfern Blick wendend, müssen wir, andächtige Gemeinde, bekennen, daß wir nicht viel tröstliches erblicken. Zwischen uns und unfern Borfahren einen Vergleich ziehend, müssen wir, wie schon unsere alten Lehrer im Talmud sagen, daß wir weit hinter diesen, welche ihr Leben geopfert haben für die Ehre Gottes, zurückstehen, (Berachoth 20 a.)—wir müssen bekennen, daß unser Gottesvertrauen ein schwächeres, daß unsere Frömmigkeit eine lauere geworden ist. Tief bekümmert richten wir an Gott ‘) Hans Rudlich.