Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 8 (1890)
- Issue
- 1890
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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40 Welch' ein Unterschied zwischen der Erregung edler Gcmüther und dem Sturm im Herzen der Bösen! Gewiß, auch die reinen Seelen gleichen nicht immer der spiegelklaren Fluth, die kein Lusthauch kräuselt: die Leidenschaft ist nicht an sich tadelnswcrth, veredelt wird das Antlitz des Menschen, wenn die Begeisterung für das Große und Schöne ihn durchglüht und ihm beim Streit für Recht und Wahrheit die stürmischen Worte über die Lippen treibt Aller Fortschritt in Wissenschast und Kunst und in der Gestaltung des öffentlichen Lebens ist bedingt durch diese Erregung; sie wühlt in den Tiefen des Herzens und all die Perlen und alle die Herrlichkeiten, die dorr aus dem Grunde ruhen, werden heraufgebracht an das Licht des Tages. Die phlegmatischcn Naturen, die nie aus ihrem Gleichmaß herausgebracht werden, werden nie die Thaten vollbringen, die Segen stiften und Bewunderung verdienen; was erreichen diese edlen Leidenschaften? sie beseligen das Herz, dem sie entströmen, in dem sie das Große und Gute schaffen. Aber ein ganz anderes Bild zeigen uns der Zorn, der Haß, die Ehrsucht, der Hochmuth, die Stürme im Herzen der Bösen: jene verklären das Angesicht, diese verdüstern es, bis aus den Grund aufgewühlt wird das Gemüth, wenn die Schlechten einen Widerstand finden für ihr ruchloses Beginnen und Begehren; aber nur Schlamm und Lehm dringt an die Oberfläche, alle die Niedrigkeit und Unlauterkeit kommt zum Borschein. Nicht die Leidenschaft an sich ist häßlich, sondern sie wird gut und böse wie das Werkzeug in der Hand des Menschen, hier bringt sie die Perlen und dort den Schlamm an die Oberfläche. Das Streben der Guten und das Stürmen und Haften der Bösen beide sind ein Gegensatz zur starren Ruhe, aber der llnterschied ist offenbar: das eine ist der Wind, der die Segel schwellt, daß das Schiff leicht dahinsährt und doch in der Hand des Steuermanncs bleibt und jede Untiefe vermeiden kann; das andere ist der Sturm, der das Schiff hierhin und dorthin wirft und cs dem Untergang weiht.