Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 1 (1879)
- Date
- 1879-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 168)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9616701-9617473-9617474--1589-9617637- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
155 meinte, er gliche beinahe einem geschorenen Lamme, an denr keine Faser Wolle sei. Nun wol, fiel ihm ein verständigem Mann in die Rede, dein Gleichniß mag gelten, aber denkm dir: zwei Schafe, eins geschoren, eins mit Wolle beladen, würden in eine Fluth geschleudert, da möchte wohl das wollige untergehen, das geschorene aber das Ufer erreichen; so wirdauch der, welcher leer an die Fuhrt zur Ewigkeit kömmt^ weil er mit seinem Gute die Dürftigen gefördert hat, leicht hinüberkonnnen, dem Reichen aber werden die Schätze, die er für sich gesammelt hat, ein schwer zu überwindendes Hinderniß sein, das ihn hinabzieht in die Tiefe. — Ein römischer Tyrann fragte einst den N. Akiba: wenn Gort die Armem lieb hat, nun warum ernährt er sie nicht? Damit, so antwartete N. Akiba, wir alle Autheil gewinnen an dem Heile der Seligen, der Arme dadurch, daß er die Noth leidet, der Reiche dadurch, daß er sie lindert. O, so widersprach dem Römer, durch eure Unterstützung müßt ihr Euch gerade den. Zorn Gottes zuziehen. Denkt euch einen König, der über seinen Diener zürnt, ihn ins Gcfängniß wirft und ihm Speise und Trank versagt, und nun gäbe ein Anderer ihm zu essen., und zu trinken, möchte da der König nicht dem Unberufenem zürnen, der seinen Befehlen zuwiderhandelt? Da sagte R- A.: Daß ihr doch,-wenn ihr Irdisches und Göttliches vergleichet, so oft von Königen und Knechten redet. Denke dir einen König der seinem Sohne zürnt und ihn in den Kerker wirft und hart behandelt. Aber ein Freund des Königsnimmt sich des Fürstensohnes an und pflegt ihn. Möchte der König, wenn die Wallung des Zornes vorüber ist, nicht, dem Freunde Dank wissen, daß er nicht, wie sonst wohl die Menschen pflegen, sich vom Sohne abgewandt hat, da ihm. die Gnade des königlichen Vaters fehlte. Liebe und Milde, wenn diese guten Engel bei uns blei-- ben und uns auf unfern Lebensweg begleiten, dann sind wir. geborgen. Selbst dem Traurigen bereiten sie Stunden der Freude, und den letzten Moment seines Daseins verklären siedurch die Erinnerung an Thränen, deren Lauf er gehemmt.