Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 1 (1879)
- Date
- 1879-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 167)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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154 lieblose Wort steht wie ein Ankläger vor mir und fordert Rechenschaft für jeden trüben Augenblick, den ich mir und dir dadurch bereitet habe. Wie oft sehnen wir uns nach einem einzigen treuen Worte, nach einem einzigen herzigen Druck der Hand, und als uns Beides noch willig gespendet, wurde, da haben wir es wenn auch nicht gering so doch geringer geschätzt. Wir sprechen die zärtlichsten Worte, aber vergebens warten wir aus Antwort, wir strecken verlangend die Hand aus, aber der Raum isi leer, die Hand, die ich so freudig in die unsere fügte, sie modert in der dunklen Erde. Wie viel Liebes hätten wir unfern Heimgegangen erweisen können, aber da dachten wir, das Leben ist lang und wir kargten auch mit unserer Liebe. Die Selbstsucht kleidet sich oft in verschiedene Fomen, und wer frei genug ist, daß. er nicht am Gelde und irdischem Gute allzu innig hängt, der ist selbstsüchtig in seinen Meinungen, der läßt nichts Anderes gelten, als was ihm gut dünkt und nennt zudem noch seine Laune seine Ueberzeugung. Und plötzlich reißt uns der Tod die Lieben vom Herzen, und wir können nimmer nachholen, was wir versäumt haben. Darum lehrt uns diese Stätte: Thue Gutes, erweise Liebe, so lange du kannst; kaum daß du dich dessen vei siehst, bist du selbst dahin gesunken^ oder, was oft noch trauriger ist, diejenigen sind dahin gesunken, denen Liebe zu erweisen Pflicht aub Neigung in gleicher Weise dich trieb. ״Wohlthun ist Anfattg und Ende der heiligen Schrift"^ sie heißt ״ תורת חסדdie Lehre der Liebe", weil in diesem einen, kurzen Wort Alles enthalten ist, was die Schrift erstrebt. Aber wenn auch die Liebe zn dem engen Kreis der Familie die wichtigste ist, sie ist nicht die einzige; vielmehr ist es׳: das Ziel aller Religion, daß sich alle Menschen als Glieder einer großen Familie betrachten und sich wie Brüder stützen und fördern möchten; unsere Liebe soll jedem Dürftigen nahe sein, und an dieser heil. Stätte zumal sollen wir es lernen, uns die himmlischen Güter zu erwerben. Geistvoll sagen die Weisen: Ein Reicher beklagte sich darüber, daß so oft und viel von ihm gefordert wurde und