Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 2 (1875-1876)
- Issue
- 11-12 (8.1876) August-September
- Date
- 1876-08-01
- Page
- [Seite 8] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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310 Gottesgesicht, aus jeder reinen ungetrübten Anschauung der wahren Lebensgüter vernichtend der Vorwurf, daß er um feilen Flitters willen des Menschen höchste Würde in den Staub getreten und verrathen habe? Moseh aber stand auch vor Gott; er sah, wie schwer es dem Weisesten war, Gott zu erkennen, wie schwer dem Besten, in seinen Wegen zu wandeln, er sah die Hinfälligkeit des Menschen und fiel dennoch nicht zu Boden, denn er durste sich sagen, daß die Tugend" die Sonne gewesen sei, nach der er die Jahre seines Daseins geordnet und gerichtet habe, daß nur selten die Leidenschaft sich zwischen ihn und diese׳ seine Lebenssonne verdunkelnd gestellt habe; den Bileam, je deutlicher er Gott erkennt, um so schwerer drückt ihn das Bewußtsein seiner Verworfenheit. Wenn die Verehrung, welche die betrogenen Völker ihm zollen, seinen Hochmuth nährt, dann überkommt ihn eine neue Offenbarung wie ein Strafgericht, die ihr. wieder zu Boden stürzt; Moseh klimmt sicher hinauf auf den Berg des Herrn, auf dessen Gipfel die Wahrheit ruht. Moseh steht, Bileam fällt, wenn sie Gott schauen, die Erkenntniß ist dem Einen ein Segen, dem Andern aber ist sie ein Fluch. II. Jedoch nicht nur in ihrem Charakter, sondern auch im Reden von der Zukunft Israels sind Mose und Bileam, obgleich sie beide die Botschaft Gottes melden, gar sehr verschieden. Denn wie jeder Gedanke individuelles Leben und eigenthümliche Färbung erhält, durch den, der ihn ausspricht, wie jeder Satz im Grunde derselbe bleibt und doch mannigfaltig sich wendet, wenn viele in Geistes- und Gemüthsart verschiedene Menschen ihn wiedergeben, so ist auch bei den Prophezeiungen nur der thatsächliche Inhalt von Gott gegeben; das Gewand aber, in dem sie uns überliefert sind, ist ein menschliches, und an diesem Gewand, an der Form, in welcher die Propheten die Botschaften des Herrn kleiden, mögen wir erschauen, weh Geistes diejenigen gewesen sind, die diese Reden gefertigt haben. So hören wir nun von. Bileam eitel das Lob und den Ruhm Israels; seine Tugend und seine Kraft, seine Größe und seinen Sieg, das Haus und den Staat, alles feiert er in glänzenden Worten; er sieht, wenn auch in ferner Zeit, den Stern Jakobs aufgehen und die Völker sich beugen vor diesem Sterne, alle Völker werden besiegt und gehen zu Grunde; nur Israel steigt und über-